Drei Gründe, die gegen Roland Bergers europäische Ratingagentur sprechen

Nachdem ich mich in meinem letzten Post gefreut habe, dass der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank mein Modell kennt, muss ich nochmal inhaltlich die Europäische Ratingagentur behandeln. Reuters berichtet nun auch darüber.

Kurz zusammengefasst: Roland Berger hat jetzt nach eigener Aussage ca. 30 institutionelle Investoren (Banken, Börsen, Versicherungen) zusammengetrommelt, die die gut 300 Mio. Euro Startkapital zur Verfügung stellen wollen. Es soll eine privatwirtschaftlich finanzierte, nicht gewinnorientierte Stiftung mit Sitz in Holland und Töchtern in Frankfurt und Paris werden. Ende 2012 sollen die ersten Länderratings veröffentlicht werden. So weit, so interessant.

Meine grundsätzlichen Bedenken gegen dieses Modell habe ich an dieser Stelle bereits mehrfach ausführlich dargestellt, daher will ich nur drei Punkte nennen, die es aus meiner Sicht in der praktischen Umsetzung schwierig machen, mit diesem Modell Erfolg zu haben.
(N.B.: ich habe keine exakte Kenntnis des gesamten Modells von Roland Berger, da laut Aussage von Markus Krall einige Punkte als Geschäftsgeheimnis angesehen werden. Ich beziehe mich ausschliesslich auf  öffentlich zugängliche Informationen.)

1. Haftungs- und datenschutzrechtliche Fragen

Im Reuters-Artikel wird zunächst korrekt dargestellt, dass Ratings reine Meinungsäusserungen darstellen und damit im Prinzip keiner Haftung unterliegen. Dann aber kommt folgende Aussage:

Bei fehlerhafter Analyse solle gehaftet werden, im Fall von grober Fahrlässigkeit in einem Prozentsatz der Ratinggebühr, bei Vorsatz in Prozenten des Stiftungs-Eigenkapitals. „Das setzt starke Anreize, korrekt zu arbeiten“, sagte Krall der Wirtschaftszeitung.

Es besteht in Deutschland bereits eine solche (gesetzliche) Haftung für fehlerhafte Ratings bei grober Fahrlässigkeit (und auch bei arglistiger Täuschung). Dies stellt also keine Besonderheit von Bergers Agentur dar. Und die Höhe? Ein Prozentsatz der Ratinggebühr bzw. des Stiftungskapitals bei grober Fahrlässigkeit bzw. Vorsatz? YOU GOTTA BE KIDDING ME!
Juristisch stellt sich eine m.E. viel wichtigere Haftungsfrage: alle bislang zugelassenen Klagen gegen Ratingagenturen in Deutschland und den USA hatten die Gemeinsamkeit, dass die betreffenden Bonitätsurteile ausschliesslich für bestimmte Investorengruppen erstellt wurden. Dies war die Begründung der Klagezulassung. Wenn nun die zu gründende Europäische Ratingagentur das investor pays Modell verfolgt, stellt sich dann nicht genau dieses Problem?
Datenschutzrechtliche Fragen scheinen auch noch nicht abschliessend geklärt zu sein, da das Berger-Modell auf eine europaweite Datenbank mit allen Emittentendaten setzt. Und diese Daten sind für alle beteiligten Investoren einsehbar.

2. Politischer Einfluss

Berger-Partner Krall wehrt sich in allen Veröffentlichungen vehement gegen Einfluss oder auch nur Unterstützung durch die Politik, da dies der Unabhängigkeit und Reputation schadet. Um das Modell in seiner jetzigen Form umzusetzen bedarf es aber m.W. gesetzlicher Änderungen auf europäischer Ebene.
Und möglicherweise bin ich zynisch, aber: wie unabhängig von ihren Geldgebern kann diese Agentur  tatsächlich agieren? Geben Banken, Versicherungen und Börsen tatsächlich völlig altruistisch jeweils ca. 10 Mio. Euro? Ich lasse mich gern überraschen.
Ausserdem sind/waren(?) zu Beginn die Initiative Finanzplatz Frankfurt, die hessische Landesregierung und die Deutsche Börse als Partner genannt. Ob denen der Sitz in Holland zusagt?

3. Mitarbeiterakquise

Zunächst sollen ca. 20 – 25 Mitarbeiter eingestellt werden (für drei Standorte?). Um überhaupt eine gute Reputation aufbauen zu können, müssen dies anerkannte, hochqualifizierte Fachleute sein. Und welcher Analyst würde sich auf ein so riskantes Geschäftsmodell einlassen und den gut bezahlten, relativ sicheren Job bei S&P, Moody’s oder Fitch aufgeben? Da muss schon ein ziemlich hoher Risikoaufschlag im Fixgehalt enthalten sein, oder?

Ich bin ein überzeugter Verfechter für mehr Wettbewerb auf dem Ratingmarkt und wünsche alle dahingehenden Initiativen viel Erfolg. Bei dem Konzept von Roland Berger habe ich allerdings Bedenken, ob es in dieser Form tatsächlich erfolgreich umsetzbar ist.

Offener Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank

Lieber Herr Dr. Ackermann,

zunächst möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie in einem dpa-Interview zu meinem Modell für den Ratingmarkt Stellung beziehen (Quelle: n24). Damit bestätigen Sie die in meinem letzten Blogbeitrag vertretene Auffassung, dass nur zwei Ansätze tatsächlich erwähnenswert sind: Roland Bergers europäische Ratingagentur und meine kreditinstitutsgruppen-eigenen Agenturen. Sie werden wie folgt zitiert:

Aber einige wenige Banken in Europa können eine solche Agentur nicht gründen, da sie unabhängig sein muss.

Dazu möchte ich gern kurz an dieser Stelle antworten, auf Wunsch erläutere ich Ihnen meinen Ansatz in einem persönlichen Gespräch detaillierter. Auch für die Deutsche Bank würde mein Modell ein neues, lukratives Geschäftsmodell darstellen.

In meinem Ansatz beschreibe ich, wie und warum (zunächst) die drei Säulen des deutschen Banksystems – Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Großbanken – jeweils eine eigene, zentralisierte Ratingagentur gründen sollten. Neben des verbesserten Wettbewerbs auf dem Ratingmarkt sind auch die Anreizstrukturen dieser Agenturen denen der großen drei, S&P, Moody’s und Fitch, überlegen.

Während die Bonitätseinschätzungen dieser drei lediglich eine Meinung ohne jegliche Haftung darstellen, haften in meinem Modell die Kreditinstitute über die Kreditvergabe und die Pflicht zur Eigenkapitalunterlegung durch Basel II für ihre Ratingnote. Selbst bei einem Verkauf der Kreditforderungen am Kapitalmarkt lässt sich über einen Selbstbehalt – wie er z.B. bei Derivaten neuerdings verlangt wird – die Haftung für Ratingaussagen regeln. Damit ist der Anreiz, korrekte Bonitätseinschätzungen abzugeben, m.E. sogar der von Ihnen geforderten Unabhängigkeit überlegen.

Roland Bergers Europäische Ratingagentur – Keine Schadenfreude

Heute berichtet die Financial Times Deutschland darüber, dass die Finanzierung des Berger-Projekts „Europäische Ratingagentur“ stockt. Im Artikel wird die Summe von 300 Mio. Euro genannt, die eigentlich bis Ende 2011 aufgetrieben werden sollte. Der Initiator und Berger-Partner Markus Krall verschiebt den Start nun um „drei bis vier Monate“. Nach meinen Informationen waren 300 bis 500 Mio. Euro als Startfinanzierung für die ersten drei Jahre eingeplant.

Auf persönlicher Ebene könnte ich mich nun aus zwei Gründen freuen: einerseits hat sich meine – auch an dieser Stelle geäußerte – Kritik bestätigt. Andererseits hat einer meiner Mitbewerber Schwierigkeiten mit seinem Modell, was gut für meinen Ansatz sein sollte.

Ich freue mich jedoch nicht. Meine feste Überzeugung ist weiterhin, dass nur zusätzlicher, qualifizierter Wettbewerb das Oligopol auf dem Ratingmarkt durchbrechen kann und so die suboptimale Situation bereinigt wird. Auf professioneller Ebene finde ich es schade, dass dieses Ziel nun erst später erreicht werden kann.

Es existieren einige Ideen und Modelle zum Ratingmarkt, in der Politik und bei den europäischen Aufsichtsbehörden werden jedoch nur zwei Ansätze tatsächlich ernst genommen: mein Modell der institutsgruppeneigenen Ratingagenturen und das Berger-Modell einer Europäischen Agentur. Meiner Ansicht nach schliessen sich diese beiden Ideen nicht aus, sondern ergänzen sich sehr gut. Je mehr Wettbewerb herrscht, desto eher können sich die Marktteilnehmer für die (ex-post) guten Agenturen entscheiden. Die schlechten müssen aus dem Markt austreten – der normale Marktmechanismus.

Da ich aber weder völlig altruistisch bin noch von Roland Berger bezahlt werde (zumindest noch nicht!), möchte kurz die Probleme des Berger-Modells skizzieren und die Vorteile meines Ansatzes herausstellen.

Das erste Problem der Europäischen Ratingagentur scheint die Finanzierung zu sein, wie es im FTD-Artikel beschrieben wird. Ein weiteres Problem sind die Anforderungen des Berger-Modells an die europäische Politik und Aufsichtsbehörden. Zur Umsetzung sind einige Gesetzesänderungen nötig und auch datenschutzrechtlich gibt es wohl noch offene Fragen. Von der im FTD-Beitrag erwähnten öffentlichen Anschubfinanzierung will ich erst gar nicht sprechen. All dies führt zu Wettbewerbsverzerrungen, die ich ablehne.

Mit meinem Modell der institutsgruppeneigenen Ratingagenturen sind weder gesetzgeberische noch finanzielle Anforderungen verbunden. Die aktuelle Regulierung ist völlig ausreichend und eine Startfinanzierung obsolet. Ganz im Gegenteil führt mein Modell sogar zu finanziellen Einsparungen auf Seiten der Banken. Und auch mittelständische Firmen hätten den Vorteil, kostengünstiger ein anerkanntes Rating zu erhalten.

Abschliessend möchte ich noch einen weiteren Grund nennen, warum bei mir keine Schadenfreude aufkommen will. Durch den hohen Bekanntheitsgrad von Roland Berger, der sehr guten politischen und wirtschaftlichen Vernetzung und der guten Ressourcenausstattung – insbesondere im Vergleich zu buschmeier-consulting – ist das Thema Ratingmarkt häufig medial präsent. Und genau so, wie ich bei meinen Vorträgen oft nach der Europäischen Ratingagentur gefragt werde, ist mein Modell als einzige Alternative bei Roland Berger präsent. Dies ist ein wenig vergleichbar mit Apple, die zwar nicht an der Consumer Electronics Show (CES) teilnehmen, aber trotzdem (oder gerade deswegen?) auch im Fokus stehen.

Also wünsche ich Roland Berger und Herrn Krall viel Erfolg – allerdings bitte ich um Verständnis, wenn ich mich am Stiftungskapital nicht beteilige.

Deutsche Ratingagentur

Nachdem bekannt wurde, dass die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) das deutsche Rating AAA mit einem negativen Ausblick versehen will (wie übrigens auch das aller anderen Euro-Staaten), überschlagen sich Politiker und Verbände mit „neuen“ Vorschlägen (Handelsblatt).

Dabei ist diese Rating-Herabstufung weder gänzlich unbegründet noch kommt sie völlig überraschend. Im BlickLog weist Dirk Elsner darauf hin, dass die Kosten der Kreditausfallversicherung Deutschlands seit einiger Zeit steigen.

Den Ausschlag für diesen Beitrag hat jedoch ein Artikel im Tagesspiegel gegeben (der vollständige Artikel liegt mir z.Zt. noch nicht vor). Hier fordert Mechthild Schrooten, Forschungsprofessorin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, ernsthaft die Gründung einer staatlichen deutschen Ratingagentur, die bei der Bundesbank angesiedelt werden solle.

Meine kurze Erwiderung ist: es ist nicht die Aufgabe einer Zentralbank, als Ratingagentur zu fungieren.

Die längere Antwort habe ich an dieser Stelle bereits im Rahmen meiner Kritik an einer (staatlichen) Europäischen Ratingagentur geliefert. Gleiches gilt natürlich in besonderem Maße für eine deutsche Agentur. Wer würde denn das Rating dieser Behörde ernst nehmen? Und würde das AAA-Rating Deutschlands angetastet werden? Wenn die deutsche Politik darauf Einfluss nehmen kann? Eher nicht!

Es würde wohl auch nicht lange dauern, bis die anderen (Euro-)Staaten ihre eigene Rating-Behörde gründen würden. Schliesslich kann ja eine deutsche Agentur ja nicht einfach die Bonität von Griechenland, Spanien, Italien, Frankreich et al. beurteilen, oder? Wo kämen wir da hin?
Immerhin hätten wir dann den geforderten Wettbewerb auf dem Ratingmarkt. 20 – 30 neue staatliche Ratingagenturen, auf deren Urteil niemand, der bei Sinnen ist, etwas geben würde.

Dennoch hätte die Politik die Macht, diese neue Konkurrenz für die privaten Anbieter zu stützen. In meinem letzten Post habe ich bereits auf die EU-Gesetzesinitiative mit Rotationsprinzip hingewiesen. Die europäischen Politiker könnten die Verwendung staatlicher Ratingagenturen verpflichtend einführen.

Dies würde jedoch zu einer wesentlichen Verschlechterung der ohnehin suboptimalen Situation auf dem Ratingmarkt führen.

Im Beitrag des Tagesspiegels kommt dann ein für mich nicht ganz schlüssiger Sprung zur Regulierung der Banken. Hier solle laut Schrooten eine „straffere Regulierung“ dafür sorgen, „dass Banken sich auf ihre ursprünglichen Funktionen besinnen“. Unter Aktivitäten, die darüber hinaus gingen, solle ein „Schlussstrich“ gezogen werden, da sie dem Steuerzahler in der Vergangenheit teuer zu stehen gekommen seien.

Das ist jetzt aber eine völlig andere Baustelle als der Ratingmarkt. Vielleicht folgt in dem vollständigen Beitrag noch die Aufzählung der vom DIW zugelassenen Bankgeschäfte….

Aufmerksamen Lesern dieses Blogs ist nicht entgangen, dass ich weder Freund des Trennbankensystems bin (wegen der impliziten Risikoerhöhung) noch halte ich es für sinnvoll, dass Verbände oder die Politik vorschreiben, welche Geschäftsaktivitäten Banken durchführen sollten – über die strafrechtlich relevanten Tatbestände hinaus. Allerdings muss ernsthaft über die Haftungsfrage und das too-big-to-fail-Problem nachgedacht werden.

EU-Kommission und Ratingagenturen

Vor kurzem hat der EU-Binnenmarktkommisar Michel Barnier einen neuen Anlauf gestartet, die Macht der großen drei Ratingagenturen zu brechen. Glücklicherweise wird in der Gesetzesinitiative auf einige suboptimale Forderungen verzichtet – leider nicht auf alle. Von Zerschlagung der Agenturen und dem Verbot von Länderratings liest man jetzt nichts mehr. Aber folgende Ideen wurden vorgestellt (vgl. FTD):

- Rotationspflicht: bei der (üblichen) Bezahlung des Ratings durch den Emittenten darf eine einzelne Agentur maximal drei Jahre Produkte dieses Emittenten bewerten. Diese Frist kann sich verkürzen: wurden zehn aufeinander folgende Produkte geratet, muss die Agentur gewechselt werden. Beauftragt ein Emittent zwei Ratingagenturen, so muss eine nach drei Jahren ausgetauscht werden, die andere muss nach sechs Jahren ausgewechselt werden und hat danach vier Jahre Pflichtpause.

==> Damit soll vermutlich Wettbewerb erzwungen werden. Prinzipiell halte ich ein solches Vorgehen nicht für sinnvoll, da dies zu Marktverzerrungen führt. Für mein eigenes Modell ist das jedoch keine schlechte Nachricht – die Chance für neue Ratingagenturen werden sich erhöhen.

 

- Staatsanleihen: Länderratings sollen zukünftig alle sechs Monate aktualisiert werden. Die Veröffentlichung der Bewertung muss ausserhalb der Börsenhandelszeiten stattfinden und ausführlich begründet werden.

==> seltsam – momentan kann es den Staaten doch gar nicht lange genug dauern, bis neue Länderratings genannt werden?!

 

- für Strukturierte Produkte müssen zwei Ratings vorliegen und die Emittenten müssen weitere Informationen vorlegen, damit die Risiken von den Anlegern besser eingeschätzt werden können.

==> das verteuert das Geschäft für die Emittenten – funktioniert damit ähnlich wie eine Finanztransaktionssteuer. Soll damit der Handel strukturierter Produkte eingeschränkt werden?

 

- Banken, Versicherungen und Investmentfonds müssen sich ein eigenes Urteil über die Bonität von Emittenten bilden.

==> zumindest für Kreditinstitute ist das bereits seit einiger Zeit mit den MaRisk verpflichtend.

 

- weiterhin ist das issuer pays model erlaubt, der Preis darf sich jedoch nicht nach dem Ratingergebnis richten.

==> Ach so, der Preis darf nicht vom Ratingergebnis abhängen?! Eigentlich logisch. Aber wenn die Agenturen nicht explizit eine Preisstaffel a la AAA = 200.000 Euro, BB- = 100.000 Euro usw. vorlegen: viel Spass bei dem (gerichtlichen) Nachweis.

Sommerloch? Von wegen!

Da spart man sich den Jahresurlaub von 5 Jahren auf und will eine Woche Urlaub machen und just zu dieser Zeit hört die Welt nicht auf, sich zu drehen.

Aber ich will mich nicht beschweren, die interessantesten Themen meiner Sommerpause will ich hier kurz erwähnen.

Als erstes bedanke ich mich bei Olaf Storbeck für die Aufnahme in seine Liste „Top-10 der deutschen Ökonomen auf Twitter

Ausserdem habe mich die guten „alten“ Medien interviewt – leider kann ich keine Links zu den Artikeln setzen.
Die Rheinpfalz am Sonntag hat unter dem Titel „Scharfrichter“ über die Macht der Ratingagenturen berichtet (10. Juli 2011, S. 3). Autor Martin Dowideit hat u.a. meine Einschätzung zu einer Europäischen Ratingagentur und zur Haftung von Ratingagenturen für ihre Urteile dargestellt.

Einen anderen Blickwinkel zum Thema Ratingagenturen nimmt der PR Report ein („Fehler im System“, 07/2011, S. 12 – 15). Autor Roland Karle sieht in einem Wettbewerb um das schlechteste Image die Agenturen weit vorn und fragt nach Empfehlungen für deren Kommunikation. Scheinbar völlig untypisch für Kommunikationsberater gebe ich ich tatsächlich umsetzungsorientierte Handlungsempfehlungen ab. Die Agenturen haben großen Anteil an der Funktionsfähigkeit der Kapitalmärkte und leisten einen wesentlichen Beitrag zum Abbau von Informationsasymmetrien. Das sollten sie offen gegenüber allen Interessierten kommunizieren.

Zur Vorstellung meines Buches „Ratingagenturen – Wettbewerb und Transparenz auf dem Ratingmarkt“ habe ich einen Vortrag in der Buchhandlung unibuch in Kassel gehalten. Und dieser Vortrag wurde auf youtube online gestellt.

Einige weitere, spannende Dinge stehen in den kommenden Monaten an – ich werde berichten.
Apropos: von Roland Berger gibt es noch immer keine Antwort ;)

Monopolistische Ratingagentur

Nachdem meine Erwähnung des Papers von Bolton/Freixas/Shapiro zu einem Monopol auf dem Ratingmarkt so große Resonanz erfahren durfte, stelle ich heute einmal ein Gedankenexperiment an.

Die Forscher haben in dem o.g. Paper hergeleitet, dass eine monopolistische Ratingagentur dazu beitragen kann, die existierenden Interessenkonflikte abzubauen. Sie argumentieren, dass bei einer einzigen Agentur nicht die Gefahr besteht, dass Emittenten ihre Auftragsvergabe an gute Ratingnoten koppeln und ggf. den Ratinganbieter wechseln.

Führt man diesen Gedanken weiter, kommt man zu einer einzigen, weltweiten Monopolagentur. Diese ist dann tatsächlich völlig unabhängig von den Wünschen der Emittenten und könnte ohne Rücksicht auf Mandatsverlust Noten vergeben – es existieren ja keine Alternativen.

Nun ist aber leider das Rating – also die Einschätzung der zukünftigen Zahlungsfähigkeit eines Schuldners – mit hoher Unsicherheit verbunden. Weder in der Theorie noch in der Praxis existieren Modelle zur sicheren Vorhersagbarkeit der Zukunft (sieht man einmal von der neoklassischen Theorie ab, die in den letzten Jahren sehr in die Kritik gekommen ist).

Wir hätten dann also eine einzige Ratingagentur, die mit ihrer Methode Bonitätseinschätzungen weltweit abgibt. Damit ist diese Methode das einzig verfügbare System. In einer de facto unsicheren Welt. Es wäre dann völlig unerheblich, ob und in welchem Maße die Methode transparent gemacht wird. Schliesslich steht sie nicht im Wettbewerb mit anderen Methoden, die möglicherweise besser sind. Sicherlich könnte man die Aufsicht über diese eine Agentur so gestalten, dass Missbrauch oder offensichtliches Fehlverhalten verringert wird. Dies wird jedoch nicht dazu führen, eine perfekte Ratingmethode implementieren zu können. Und für die Agentur besteht auch kein Bedarf, ihre Ratingmethode im Zeitablauf zu verbessern – dies wäre ja mit Kosten verbunden. In einem solchen Szenario ist es irrelevant, ob die Agentur staatlich oder privatwirtschaftlich geführt wird. Und auch der Preis für Ratings könnte (und müsste) hoheitlich vorgegeben werden. Ich sehe schon die Lobbyisten zu Hochform auflaufen.

Sollte eine einzelne Institution so viel Macht in sich vereinen?

Meines Erachtens ist die einzig vernünftige Möglichkeit ein Wettstreit unterschiedlicher Ratingmethoden, da keine für sich in Anspruch nehmen kann, die einzig richtige zu sein. Und unter fairen Wettbewerbsbedingungen müssen sich die besten Methoden herausstellen – ex post. Dann können die Nutzer der Ratings entscheiden, welche Agentur sich in der Vergangenheit bewährt hat. Die Emittenten werden sich diejenigen Agenturen aussuchen, deren Ratings die höchste Akzeptanz auf den Märkten erfahren, da sie ihre Wertpapiere möglichst gut platzieren wollen.

Und übrigens: faire Wettbewerbsbedingungen heisst für mich nicht drei Agenturen + eine „Europäische Ratingagentur“.

Ratingagenturen – was machen die?

Die FAZ hat ein Interview mit dem Ökonom Donato Masciandaro veröffentlicht, der an der Mailänder Eliteuniversität Bocconi lehrt (da das für die FAZ erwähnenswert scheint: Eliteuniversität Heidelberg FTW!).

Dabei nennt Masciandaro einige richtige Punkte, aber bei einer wesentlichen Aufgabe der Agenturen liegt er m.E. völlig daneben. Befragt zu der Funktion von Ratingagenturen nennt er die Lieferung von zwei Informationsarten: die Solidität eines Unternehmens und dessen Zukunftsperspektiven. Dann wird er zitiert mit: „Es gibt keinen Grund, die Zukunftsperspektiven zu veröffentlichen.“

Wenn Ratingagenturen Informationen für Investoren liefern sollen, um sie bei ihrer Anlageentscheidung zu unterstützen, dann reicht eine Aussage zur Solidität eben nicht aus. Die wichtigere Information für einen Anleger ist die Einschätzung der zukünftigen Unternehmensentwicklung. So ist Rating auch definiert als Einschätzung der Zahlungsfähigkeit eines Schuldners in der Zukunft.

Steht ein Anleger heute vor der Frage, ob er eine in 10 Jahren fällige Unternehmensanleihe kaufen soll, interessiert ihn nicht, ob das Unternehmen bis heute hätte zahlen können. Dieser Anleger will wissen, ob er ab heute regelmäßig seine Zinszahlungen erhält und ob das Unternehmen ihm in 10 Jahren den vollen Kreditbetrag zurück zahlen kann.
Die Daten der Vergangenheit sind zwar ein Teil des Ratings – man kann z.B. Trends erkennen, viel wichtiger ist jedoch die Zukunftsbetrachtung.

Und genau diese Betrachtung der Zukunft macht das Geschäft der Agenturen so schwierig. Noch existiert keine sichere Methode, die Zukunft vorherzusagen. Wer hätte Anfang 2011 Fukushima vorhergesagt und den Atomausstieg prophezeit?

Völlig konform gehe ich dann wieder mit Masciandaros Aussage zu eine Europäischen Ratingagentur: „Wenn auf künstliche Weise eine öffentliche Ratingagentur gegründet wird, verzerrt das den Markt. Ich bin skeptisch, wenn öffentliche Unternehmen private ersetzen sollen.“

Und dieser Satz ist auch ein schönes Schlusswort für meinen Beitrag.

Weitere Ideen zu Ratingagenturen

Und weiter gehts mit zusätzlichen Ideen und neuen Teilnehmern an der Debatte über Ratingagenturen. Der Direktor des HamburgischenWeltWirtschaftsInstituts (HWWI) Thomas Straubhaar und Unternehmerfamilien melden sich jetzt zu Wort. Übrigens ganz im Gegensatz zu Roland Berger, die es noch immer nicht geschafft haben, auf meine Mail-Anfrage zu antworten. Das macht diese Beratung und ihre in der Pressemitteilung geäußerte Bitte um Beteiligung der Öffentlichkeit sehr glaubwürdig.

Zunächst möchte ich auf den recht guten Artikel von Thomas Straubhaar hinweisen, der vor Kurzem in der NZZ erschienen ist. Auch er betont die Bewertungsprobleme und die Prognoseunsicherheit bei Ratings. Es sei klüger, „durch wettbewerbs- und kartellrechtliche Verfahren dafür zu sorgen, dass die Rating-Agenturen untereinander in einem harten Konkurrenzkampf stehen.“
Auch ich bin der Meinung, dass der Marktmechanismus wieder in Kraft gesetzt werden muss. Dies ist jedoch aufgrund des Oligopols auf dem Ratingmarkt nicht möglich. Straubhaar weist zu Recht auf die hohem Markteintrittsbarrieren hin. Es folgt eine Darstellung der bekannten Probleme – issuer pays model, gleichzeitige Beratung und Bewertung, regulatorisch induzierte Macht der Agenturen etc.
Straubhaars Lösungsansätze sind auch schon bekannt: höhere Transparenz und Haftung der Agenturen bei „nachweislichen Fehlern“. Agenturen sollten dann privatrechtlich verklagt werden können und Schadensersatzpflichtig werden. Hier macht er es sich etwas einfach: wem gegenüber soll es eine Haftung geben? Gegenüber dem Auftraggeber des Ratings? Hier liegt zumindest eine Vertragsbeziehung vor. Und übrigens auch schon jetzt eine Haftung bei Fehlern seitens der Agentur. Oder sollte die Haftung auch gegenüber den Nutzern des Ratings gelten? Hier liegt keine Vertragsbeziehung vor und die Haftung wäre uferlos, da bis hin zum Kleinstanleger alle Nutzer eines Ratings sein können, sofern es veröffentlicht wurde.
Ein Satz von Straubhaar ist m.E. erklärungsbedürftig – sie bleibt jedoch leider aus:
„Eine vom Wertschriftenhandel durch eine Abgabe zu erbringende Umlage, in die alle einzahlen müssten, die an Bewertungen durch unabhängige Bonitätsprüfer interessiert sind und davon profitieren, könnte ein Schritt zur Besserung sein.“
Ich bin mir nicht sicher, was damit gemeint ist. Finanztransaktionssteuer? Umlagenfinanzierung? Wie o.g. sind potenziell alle Anleger an unabhängiger Bonitätsprüfung interessiert, also wohl ersteres. Und sollen diese Einnahmen dann die Bezahlung der Agenturen durch den Emittenten ersetzen?
Abschliessend werden einige Sätze von Straubhaar geschrieben, die überzeugend klingen, aber das Problem simplifizieren:
„Besser wäre es, wenn das öffentlichrechtlich geschützte Meinungsmonopol der Bonitätsprüfer ganz generell beseitigt würde. Privatrechtliche Verhaltensweisen sollten sich nicht von Rating-Agenturen bevormunden lassen müssen. Das gilt auch für die Beziehung zwischen Gläubigern und Schuldnern. Je weniger Kreditgeber und -nehmer, Investoren und Finanzinstitute gezwungen werden, die ohnehin mit vielen Schwächen und Unzulänglichkeiten belasteten Urteile der Rating-Agenturen zu respektieren, umso besser. Die Bonitätsprüfer sollten für die Entscheidungsbildung auf den Kapitalmärkten nicht mehr eine derart herausragende Rolle spielen. Es muss jedem möglich sein, sich autonom mit anderen Informationen, selbstgewählten Methoden und eigenen Analysen ein unabhängiges Urteil bilden zu können.“
Welche Anleger sind denn dazu bitte in der Lage?
Bei aller berechtigter Kritik an den Ratingagenturen, leisten sie dennoch einen wesentlichen Beitrag zum Abbau von Informationsasymmetrien.

Und wenn im letzten Absatz des Beitrags vom Autor gefordert wird, Ratings sollten wie Gütesiegel und Bio-Testate behandelt werden, stellt sich mir die Frage, wie sich das mit der vorher geforderten Haftung in Einklang bringen lässt. „Sie [die Ratings] sollten nur noch eine Meinungsäusserung sein von mehreren. Mag auf sie hören, wer will.“ Genau das ist doch die haftungsbefreiende Argumentation der Ratingagenturen.

Das Handelsblatt berichtet, dass auch deutsche Unternehmen mit den drei großen Ratingagenturen unzufrieden seien und eine Europäische Ratingagentur planen. Die Family-Offices verschiedener Unternehmerfamilien wollten dieses Vorhaben auch finanziell unterstützen und den Sitz der neuen Agentur in der Schweiz ansiedeln.

Liebe Familienunternehmen: von welchen Institutionen erhalten Sie denn seit Jahren Fremdkapital? Wer prüft dabei ihre zukünftige Zahlungsfähigkeit? Und wer hat ein großes Interesse daran, dass diese Bonitätsurteile korrekt sind, damit der vergebene Kredit nicht ausfällt?
Kreditinstitute tätigen dieses Geschäft zum Teil seit über einhundert Jahren. Und vermutlich ist deren Bonitätsprüfung nicht allzu schlecht. Sonst würden diese Banken nämlich nicht mehr existieren.
Dazu gibt es ein wissenschaftlich hergeleitetes Modell, das ich Ihnen gern persönlich vorstelle. Bevor Sie dreistellige Millionenbeträge für etwas ausgeben, das ohnehin schon für Ihr Unternehmen existiert.

Update Roland Bergers Ratingagentur

Wie in einem meiner letzten Beiträge versprochen, hier das Update zu der Initiative Europäische Ratingagentur von Roland Berger et al.

Nochmal zur Erinnerung – in einer Pressemitteilung hat die Strategieberatung Roland Berger bekannt gegeben, dass sie sich in „Sondierungsgesprächen“ befänden, „mit dem Ziel, eine europäische Ratingagentur in Frankfurt am Main zu gründen, zu etablieren und zu entwickeln.“

Neben Roland Berger seien beteiligt: das Land Hessen, die Deutsche Börse und Frankfurt Main Finance. Die Mitteilung endet mit folgender Aufforderung: „Roland Berger lädt daher Unternehmen und Institutionen aus ganz Europa ein, sich an der aktuellen Diskussion zu beteiligen und dazu beizutragen, die Initiative auf den Weg zu bringen.“
Dies nahm ich zum Anlass, sowohl dem in der PM genannten Seniorpartner von Roland Berger als auch der Hessischen Landesregierung vor mehr als einer Woche eine Mail zu senden.

Eine Antwort von Roland Berger steht noch immer aus….

Über den Weg der Landesregierung habe ich nun von Frankfurt Main Finance eine Antwort erhalten:
das Angebot zur Mitarbeit beziehe sich zum Einen auf Finanzmarktakteure zur Umsetzung des Finanzierungsmodells und – wenig überraschend – zum Anderen auf die Aufbringung des Stiftungskapitals.

Es hat mich ohnehin überrascht, dass eine Strategieberatung die Öffentlichkeit auffordert, sich an einem ihrer Beratungsprojekte zu beteiligen. Das sollte ja deren Kernkompetenz sein. Ich hätte sie trotzdem gern unterstützt – die so geplante Ratingagentur nicht umzusetzen. Und sorry, ich werde mich nicht am Stiftungskapital beteiligen.

Sehen wir uns doch die Initiative und die Beteiligten nochmal an:
Roland Berger:
will gut bezahlt ein von ihnen entwickeltes Modell umsetzen. Dagegen ist nichts einzuwenden, abgesehen von meiner subjektiven Auffassung, dass eine zusätzliche Europäische Agentur der falsche Weg ist. Wenn dann noch als Ziele Erhöhung des Wettbewerbs (mit EINER zusätzlichen?) und Transparenz (Ansatz bleibt offen) genannt werden, fühle ich mich in meiner Kritik bestätigt. Und das Stiftungsmodell: verschiedene Quellen haben mir gegenüber verschiedene Angaben gemacht, in welcher Höhe Kapital für eine solche Neugründung benötigt wird. Die Zahlen reichen von niedrigen zweistelligen bis hin zu hohen dreistelligen Millionenbeträgen. Die Tagesschau berichtet, dass Berger mit 300 bis 500 Mio Euro rechnet – viel Erfolg beim Einsammeln. Und Berger wird die Agentur wohl nicht betreiben wollen – ihr Beitrag wird die Beratung sein. Bezahlt.

Hessische Landesregierung und Initiative Finanzstandort Frankfurt:
selbstverständlich sind diese beiden Institutionen dabei, wenn die Agentur in Frankfurt gegründet wird (in meinem Modell wäre Frankfurt auch ein wichtiger Standort – falls sie noch eine weitere Meinung einholen wollen). Ob sich diese zwei jedoch essentiell an 300 – 500 Mio Stiftungskapital beteiligen wollen und können, wage ich zu bezweifeln. Im Falle der finanziellen Beteiligung der (Landes)Regierung stellt sich dann auch die Frage nach der Unabhängigkeit dieser Ratingagentur.

Deutsche Börse:
hier könnten Emittenten gezwungen werden, ein Rating der neuen Agentur zur Zulassung zum Handel vorzulegen. Was wiederum zu Marktverzerrungen führt. Hinsichtlich einer finanziellen Beteiligung: war da nicht noch etwas offen in Bezug auf die New Yorker Börse (NYSE)? Aber wenn die etwas Kleingeld übrig haben – warum nicht. Sollte das Modell tatsächlich funktionieren reden wir schliesslich über Umsatzrenditen von 40% – 50%.

Wer hat sonst noch Geld und Interesse an einer Europäischen Ratingagentur?
Banken vielleicht, die ihre Eigenkapitalunterlegung bei besseren Ratingnoten verringern können? Warum sollten die dieses lukrative Geschäft einer anderen Institution überlassen, wenn sie es doch auch selbst machen könnten. Ich verrate ihnen gern, wie. Und kläre dabei auch gleich die Frage, wie der o.g. Interessenkonflikt hinsichtlich der Eigenkapitalunterlegung gelöst werden kann.

In der Vergangenheit gab es bereits mehrere Meldungen über die Planung einer Europäischen Ratingagentur – bis heute haben wir noch keine. Ich bin sehr gespannt, wie es dieses Mal ausgeht und werde an dieser Stelle berichten.

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