Archiv für die Kategorie ‘ Aufsicht ’

Europäische Ratingagentur gescheitert

Die Gründung einer Europäischen Ratingagentur (ERA) ist leider gescheitert. Ende April 2013 hat der Projektleiter und Gründungs-CEO Dr. Markus Krall erklärt, dass trotz intensiver Bemühungen die kritische Finanzierungsgrenze zum Start der ERA nicht erreicht wurde.

Ursprünglich war ein Stiftungsmodell auf Investor Pays Basis geplant. Das anfänglich geplante Stiftungsvolumen von 300 – 500 Mio. Euro, das im letzten Jahr nochmals deutlich reduziert wurde, konnte nicht eingesammelt werden.

Zur Umsetzung des investorenbasierten Bezahlmodells hätte es zusätzlich einer Gesetzesänderung auf europäischer Ebene bedurft, was zur Zeit nicht realisierbar sei.

Obwohl ich an dieser Stelle mehrfach meine Bedenken gegenüber dem grundlegenden Geschäftsmodell der ERA geäussert  habe, finde ich es sehr schade, dass wieder einmal eine Chance auf die Verbesserung des Wettbewerbs auf dem Ratingmarkt vertan wurde.

Gerade erst gestern habe ich an dieser Stelle meine Ideen zur Kombination des Investor Pays Modells mit der Tobin Tax ausgeführt. Und natürlich bin ich auch weiterhin davon überzeugt, dass mein Modell der institutsgruppen-eigenen Ratingagenturen eine sehr gute Alternative zu den Big Three – S&P, Moody’s und Fitch Ratings – darstellt.

Einstweilige Verfügung gegen Ratingagentur

Im aktuellen Everling Newsletter berichtet Dr. Oliver Everling, dass gegen eine von der ESMA registrierte Ratingagentur eine einstweilige Verfügung erwirkt wurde. Grund dafür ist das – vermutlich übermässige – Bewerben der Tatsache, dass diese Agentur aufsichtsrechtlich anerkannt wurde. Mit dieser EU-weiten Anerkennung darf sie nun nicht mehr werben. In der EU-Verordnung über Ratingagenturen wird den Ratinganbietern ausdrücklich untersagt, mit der Anerkennung zu werben. Insbesondere sollte nicht suggeriert werden, dass die aufsichtliche Anerkennung ein Qualitätsmerkmal sei. Jede Agentur, die in der EU tätig werden will, benötigt die Registrierung der ESMA. Die Aufsichtbehörde überwacht jedoch nur die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben und beurteilt natürlich nicht die Richtigkeit oder Qualität jedes einzelnen Ratings.

Der Name der Agentur wird nicht genannt, die Tatsache, dass die BaFin als zuständige nationale Aufsichtsbehörde genannt wird und die einstweilige Verfügung vor einem “zuständigen Landgericht” erwirkt wurde, lässt auf eine deutsche Agentur schliessen. Auf den Internetseiten der ESMA sind alle registrierten Ratingagenturen veröffentlicht (Stand: 07.01.2013). Die deutschen Agenturen sind:

  • Euler Hermes Rating
  • Feri EuroRating
  • Creditreform Rating
  • Scope Credit Rating (früher PSR Rating)
  • GBB Rating
  • Assekurata
  • Fitch Deutschland
  • Moody’s Deutschland

(ja, Standard & Poor’s Deutschland hat sich noch nicht/wurde noch nicht registriert)

Gerne lese ich in den Kommentaren, um welche Ratingagentur es sich handeln könnte. Welche Agentur hat (zu) aggressiv mit ihrer Anerkennung geworben?

New Rating formerly known as Europäische Ratingagentur

Aus der geplanten “Europäischen Ratingagentur” von Roland Berger ist “New Rating” geworden und das ursprüngliche Geschäftsmodell hat sehr verändert. Ausserdem meldet sich Gütersloh mal wieder zu Wort – mit der geplanten Ratingagentur der Bertelsmann-Stiftung INCRA.

Die Financial Times Deutschland berichtet am 22.11.2012 über das Vorhaben des ehemaligen Roland Berger Partners Markus Krall, eine Europäische Ratingagentur zu gründen. Von den ursprünglichen Zielen ist er mittlerweile fast vollständig abgewichen.

Der Hauptgedanke war, ein europäisches Gegengewicht gegen die amerikanisch dominierten Bonitätswächter aufzubauen. Es sollte eine unabhängige Stiftung werden, die für ihre Ratings von den Investoren – und nicht wie üblich von den Emittenten – bezahlt wird.

Als ich im Mai 2012 mit Herrn Krall bei der BaFin auf dem Podium saß, deutete sich bereits an, dass für die anfangs geplante “Anschubfinanzierung” von 300 – 500 Mio. Euro nicht genügend Investoren zu finden waren. Mit der Verringerung des benötigten Startkapitals auf ca. 150 Mio. Euro geht nun allerdings auch eine komplette Veränderung der Geschäftsidee einher. Die interessanten Ideen, dass die Agentur eine unabhängige Stiftung werden sollte und die Ratings nicht wie üblich von den Emittenten (Issuer Pays Model), sondern von den Investoren (Investor Pays Model) gezahlt werden sollten, liessen sich nicht umsetzen. Mittlerweile soll Krall Wagniskapitalgeber suchen, die Stiftung wäre nur noch einer von mehreren Investoren. Damit ist die angestrebte “Unabhängigkeit” hinfällig. Die Idee, dass Investoren für die Ratings zahlen sollen, sei schon lange erledigt, so die FTD.

Was bleibt übrig? Eine kleine, neue, unterfinanzierte Ratingagentur, die wie alle anderen aufgebaut und aufgestellt ist. Ohne historischen Track-Reckord, ohne Mitarbeiter, ohne Kunden, noch ohne aufsichtliche Zulassung, ohne das Vertrauen der Marktteilnehmer. Und ohne den möglichen Startbonus, den Ratingmarkt durch neue Ansätze zu verbessern. Auch wenn ich mich über jeden neuen Wettbewerber auf dem Ratingmarkt freue – so kann das nicht funktionieren! Zusätzlich sind die kleinen deutschen – aufsichtlich zugelassenen – Ratingagenturen, wie Creditreform und Euler Hermes, bereits wesentlich besser positioniert.

Und nun in die Metropole Gütersloh. Dort hat die Bertelsmann-Stiftung ihren Sitz. Und die hat, laut der Neuen Westfälischen, am 20.11.2012 eine Machbarkeitsstudie zu einer neuen Ratingagentur vorgelegt. (Ich meinte mich zu erinnern, dass die Agentur bereits im April 2012 in Washington gegründet wurde. Das war aber auch nur die Vorstellung des Konzepts). Das Bertelsmann-Kind trägt den Namen INCRA – International Non-Profit Credit Rating Agency. Nomen est omen – eine nicht-gewinnorientierte Ratingagentur. Ob die Bertelsmann-Stiftung unabhängig ist vermag ich nicht zu beurteilen. Finanziert werden soll die INCRA aus einem 400 Mio. Euro Fonds, dessen Ausschüttungen die laufenden Kosten trägt. Jetzt dachte ich: gut, die Bertelsmann-Stiftung scheint ja – im Gegensatz zu Roland Berger – über ausreichende Mittel zu verfügen. Allerdings berichtet die Neue Westfälische weiter: “Beteiligen können sich daran [an dem Fonds] Regierungen, Unternehmen, Stiftungen und Privatleute.” Ach so. Ich dachte, die hätten das Geld schon beisammen. Na dann viel Erfolg!
Für die interessierten Investoren unter meinen Lesern: die non-profit INCRA will ausschliesslich Länder und internationale Organisationen benoten und diese Ratings sind kostenlos (oder umsonst?).
Auch diesem, seit längerem geplanten, neuen Wettbewerber auf dem Ratingmarkt wünsche ich viel Erfolg.

Ohne übermäßig pessimistisch erscheinen zu wollen: sowohl bei New Rating als auch INCRA bin ich eher pessimistisch. Aus ähnlichen Gründen: kein Geld, kein wirklich neues Konzept, keine Historie, kein Vertrauen der Marktteilnehmer, ….

Dabei existiert doch ein hervorragendes weiteres Modell zum Ratingmarkt!

European Rating Agency Pt. 7

Auch wenn ich ein anderes Modell präferiere, möchte ich doch kurz auf ein Bloomberg-Video mit Markus Krall, Ex-Roland Berger Partner und jetzt CEO der Projektgesellschaft Europäische Ratingagentur, verlinken.

>> Bloomberg TV

Ich bin sehr gespannt, wann wir das erste Sovereign Rating sehen….

High Frequency Trading, Arbitrage und Spekulation

Nachdem ein Großteil meiner letzten Posts eher monothematisch war, bekam ich heute auf Twitter die Inspiration zu einem Nicht-Rating-Beitrag.
Ursprüngliches Thema war das High Frequency Trading (HFT), das zu einem “flash crash” in 2010 geführt hat. Neben mir (@ABuschmeier) beteiligten sich an der Diskussion: @TeraEuro @BlickLog @PatrickBernau und @rszbt - ihr Blogbeitrag hat mich zu meinem bewogen.

An dieser Stelle möchte ich kurz zusammenfassen, wie ich (und ein großer Teil der Wissenschaftler) die Begriffe Arbitrage und Spekulation verstehen.

Arbitrage ist, bezogen auf die Finanzmärkte, das Erkennen und Ausnutzen von (meist geringen) Preisunterschieden auf verschiedenen Märkten. Sieht ein Arbitrageur beispielsweise, dass an der Börse Frankfurt die Aktie X zu 100,00 Euro gehandelt wird und an der Stuttgarter Börse zu 99,90 Euro, so kann er risikolos Gewinn erzielen. Zeitgleich kauft er in Stuttgart und verkauft in Frankfurt – er hält also keine offene Position.
Auf den – trotz aller Kritik – relativ effizienten Finanzmärkten sind solche Preisdifferenzen i.d.R. sehr gering und nur kurzfristig. Arbitrage sorgt also dafür, dass sich auf allen Märkten ein einheitlicher Preis einstellt, z.B. 99,95 Euro als “korrekter” Preis in Frankfurt und Stuttgart. Ist man schnell genug und handelt große Volumina kann sich das durchaus lohnen.
Die Aussicht für Privatanleger, auf diese Art und Weise risikolos Geld zu verdienen, ist jedoch sehr gering. Der automatisierte Computerhandel gleicht diese Preisdifferenzen in Sekundenbruchteilen aus. Und das geht so schnell, dass es nicht nur auf die Geschwindigkeit der Leitung zum Börsenserver ankommt, sondern auf die Entfernung des eigenen Servers zur Börse.
Arbitrage, die einen Teil des HFT ausmacht, führt also zu einheitlichen Preisen auf allen Märkten und sorgt daher für Markteffizienz.

Spekulation ist eine völlig andere Geschichte. Wie in rszbt’s Blogbeitrag beschrieben, wird offensichtlich nicht nur in Deutschland dieses Wort vermieden, da es eine negative Konnotation (erhalten) hat (von entsprechenden Interessengruppen). So müssen die “bösen” Spekulanten bestraft werden, z.B. mittels einer Finanztransaktionssteuer. Allerdings sorgen auch Spekulanten dafür, dass sich der “korrekte” Preis z.B. einer Aktie schneller einstellt als ohne Spekulation. Dabei ist Spekulation immer mit einer offenen Position und daher, im Gegensatz zur Arbitrage, mit Risiko verbunden. Ein Spekulant kauft also beispielsweise die Aktie Y, weil er überzeugt ist, dass deren Preis in Zukunft steigt – auf den von ihm unterstellten “korrekten” Preis. Handeln viele Marktteilnehmer (oder einer mit entsprechendem Volumen) gleichgerichtet, so stellt sich bald der vermeintlich korrekte Preis ein. Und zwar schneller, als ohne diese “böse” Spekulation. Liegt der Spekulant mit seiner Annahme des richtigen Preises für Aktie Y falsch, verliert er Geld. Und wenn er das ein paar Mal macht, also ein schlechter Spekulant ist, muss er sehr bald “aus dem Markt austreten” (ökonomisch für: er ist pleite).

Beides trägt also – zumindest in der Theorie – zur Informationseffizienz der Kapitalmärkte bei.

Was natürlich keinesfalls geschehen darf, ist, dass schlechte Spekulanten gerettet werden. Z.B. durch den Staat, weil sie ein zu großes Rad gedreht haben und damit eine gesamte Volkswirtschaft in Gefahr bringen (too-big-to-fail).
Spekulation ist daher m.E. völlig in Ordnung, solange nur das eigene Geld verzockt wird.

(Und in der nächsten Folge dieser Aufklärungsreihe erkläre ich “Hedging”)

Ratings ohne Information?

In einem aktuellen Handelsblatt-Beitrag stellt Olaf Storbeck eine neue Studie über den Informationsgehalt von Ratings der großen Agenturen vor.

Die Wissenschaftler Jens Hilscher und Mungo Wilson haben festgestellt, dass die Ratingnoten wenig über die tatsächlichen Kreditausfallrisiken aussagen. Sie verglichen für die Jahre 1986 bis 2008 die Unternehmensratings von Standard & Poor’s (S&P) mit einem eigenen Indikator, der die Insolvenzgefahr eines Unternehmens ausschliesslich anhand öffentlich zugänglicher Daten misst. Dieser “failure score” verwendet hauptsächlich Bilanzkennzahlen, wie die Profitabilität, den Verschuldungsgrad und die Barreserven. Empirisch lasse sich nun belegen, dass mit diesem vergleichsweise einfachen failure score Zahlungsausfälle zuverlässiger zu prognostizieren seien. Diese Ergebnisse liessen sich auch auf Staatsanleihen übertragen. Anhand makroökonomischer Daten könne man Risikoaufschläge z.B. für Staatsanleihen aus Schwellenländern besser erklären, als mittels Ratingnoten.

Das sind hochinteressante Forschungsergebnisse, da sich Ratingagenturen immer darauf berufen, dass sie bei beauftragten Ratings mehr und bessere Informationen als die Öffentlichkeit erhalten. Dies scheint nun widerlegt – auch wenn man in Studien a posteriori immer klüger ist. Man könnte z.B. die passenden Indikatoren wählen, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen (was ich den Forschern expressis verbis NICHT unterstelle!). Ratings sind immer eine Zukunftsbetrachtung und daher grundsätzlich mit Risiken verbunden. Auch wenn Agenturen und Regulierungsbehörden lange Glauben machten wollten, dass Ratingnoten eine Sicherheit bei Anlage- oder Kreditentscheidungen herstellen.

Ein kleiner Seitenhieb auf die Ratingagenturen sei an dieser Stelle erlaubt: eine weitere wissenschaftliche Studie (Bannier/Behr/Güttler (2007): Why are unsolicited ratings lower than solicited ratings? A theoretical and empirical assessment) hat herausgefunden, dass beauftragte Ratings tendenziell besser ausfallen als unbeauftragte und damit unbezahlte Ratings. Das Argument der Agenturen war der o.g. bessere Einblick in die Unternehmen. Dies scheint nach dem Handelsblatt-Artikel nun aber eher kontraproduktiv zu sein. Ausserdem wurde den Ratingagenturen unterstellt, dass sie Unternehmen vor der Veröffentlichung eines unbeauftragten Ratings informierten, dass die Ratingnote bei einem beauftragten=bezahlten Rating potenziell besser ausfallen könne. Und ob das Unternehmen nicht doch das Rating beauftragen=bezahlen wolle. Die Studie nennt das Kind beim Namen: “blackmailing”.

Was ich persönlich an dem Beitrag von Storbeck besonders interessant finde, ist die Aussage, dass die ausschliessliche Betrachtung von Bilanzkennzahlen zu besseren Ergebnissen führt, als die zusätzliche Berücksichtigung von “soft facts”. Üblicherweise wird die Ratingnote zu ca. 60% über quantitative Faktoren – wie Bilanzkennzahlen – bestimmt. Etwa 40% der Note machen die qualitativen Faktoren, wie Marktposition, Qualität des Managements, Nachfolgeregelung etc., aus.

Ein Vorwurf an mein Modell der Ratingagenturen der Kreditinstitutsgruppen lautet, dass die Ratings der Banken sich zu sehr auf die quantitativen Faktoren beschränken. Daher mein ausdrücklicher Dank an die Forscher Hilscher und Wilson. Damit sollte meine Vorstellung einer Verbesserung des Wettbewerbs auf dem Ratingmarkt gleichzeitig zu einer höheren positiven Korrelation von Ratingnote und Zahlungsausfall führen.

Drei Gründe, die gegen Roland Bergers europäische Ratingagentur sprechen

Nachdem ich mich in meinem letzten Post gefreut habe, dass der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank mein Modell kennt, muss ich nochmal inhaltlich die Europäische Ratingagentur behandeln. Reuters berichtet nun auch darüber.

Kurz zusammengefasst: Roland Berger hat jetzt nach eigener Aussage ca. 30 institutionelle Investoren (Banken, Börsen, Versicherungen) zusammengetrommelt, die die gut 300 Mio. Euro Startkapital zur Verfügung stellen wollen. Es soll eine privatwirtschaftlich finanzierte, nicht gewinnorientierte Stiftung mit Sitz in Holland und Töchtern in Frankfurt und Paris werden. Ende 2012 sollen die ersten Länderratings veröffentlicht werden. So weit, so interessant.

Meine grundsätzlichen Bedenken gegen dieses Modell habe ich an dieser Stelle bereits mehrfach ausführlich dargestellt, daher will ich nur drei Punkte nennen, die es aus meiner Sicht in der praktischen Umsetzung schwierig machen, mit diesem Modell Erfolg zu haben.
(N.B.: ich habe keine exakte Kenntnis des gesamten Modells von Roland Berger, da laut Aussage von Markus Krall einige Punkte als Geschäftsgeheimnis angesehen werden. Ich beziehe mich ausschliesslich auf  öffentlich zugängliche Informationen.)

1. Haftungs- und datenschutzrechtliche Fragen

Im Reuters-Artikel wird zunächst korrekt dargestellt, dass Ratings reine Meinungsäusserungen darstellen und damit im Prinzip keiner Haftung unterliegen. Dann aber kommt folgende Aussage:

Bei fehlerhafter Analyse solle gehaftet werden, im Fall von grober Fahrlässigkeit in einem Prozentsatz der Ratinggebühr, bei Vorsatz in Prozenten des Stiftungs-Eigenkapitals. “Das setzt starke Anreize, korrekt zu arbeiten”, sagte Krall der Wirtschaftszeitung.

Es besteht in Deutschland bereits eine solche (gesetzliche) Haftung für fehlerhafte Ratings bei grober Fahrlässigkeit (und auch bei arglistiger Täuschung). Dies stellt also keine Besonderheit von Bergers Agentur dar. Und die Höhe? Ein Prozentsatz der Ratinggebühr bzw. des Stiftungskapitals bei grober Fahrlässigkeit bzw. Vorsatz? YOU GOTTA BE KIDDING ME!
Juristisch stellt sich eine m.E. viel wichtigere Haftungsfrage: alle bislang zugelassenen Klagen gegen Ratingagenturen in Deutschland und den USA hatten die Gemeinsamkeit, dass die betreffenden Bonitätsurteile ausschliesslich für bestimmte Investorengruppen erstellt wurden. Dies war die Begründung der Klagezulassung. Wenn nun die zu gründende Europäische Ratingagentur das investor pays Modell verfolgt, stellt sich dann nicht genau dieses Problem?
Datenschutzrechtliche Fragen scheinen auch noch nicht abschliessend geklärt zu sein, da das Berger-Modell auf eine europaweite Datenbank mit allen Emittentendaten setzt. Und diese Daten sind für alle beteiligten Investoren einsehbar.

2. Politischer Einfluss

Berger-Partner Krall wehrt sich in allen Veröffentlichungen vehement gegen Einfluss oder auch nur Unterstützung durch die Politik, da dies der Unabhängigkeit und Reputation schadet. Um das Modell in seiner jetzigen Form umzusetzen bedarf es aber m.W. gesetzlicher Änderungen auf europäischer Ebene.
Und möglicherweise bin ich zynisch, aber: wie unabhängig von ihren Geldgebern kann diese Agentur  tatsächlich agieren? Geben Banken, Versicherungen und Börsen tatsächlich völlig altruistisch jeweils ca. 10 Mio. Euro? Ich lasse mich gern überraschen.
Ausserdem sind/waren(?) zu Beginn die Initiative Finanzplatz Frankfurt, die hessische Landesregierung und die Deutsche Börse als Partner genannt. Ob denen der Sitz in Holland zusagt?

3. Mitarbeiterakquise

Zunächst sollen ca. 20 – 25 Mitarbeiter eingestellt werden (für drei Standorte?). Um überhaupt eine gute Reputation aufbauen zu können, müssen dies anerkannte, hochqualifizierte Fachleute sein. Und welcher Analyst würde sich auf ein so riskantes Geschäftsmodell einlassen und den gut bezahlten, relativ sicheren Job bei S&P, Moody’s oder Fitch aufgeben? Da muss schon ein ziemlich hoher Risikoaufschlag im Fixgehalt enthalten sein, oder?

Ich bin ein überzeugter Verfechter für mehr Wettbewerb auf dem Ratingmarkt und wünsche alle dahingehenden Initiativen viel Erfolg. Bei dem Konzept von Roland Berger habe ich allerdings Bedenken, ob es in dieser Form tatsächlich erfolgreich umsetzbar ist.

Deutsche Ratingagentur

Nachdem bekannt wurde, dass die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) das deutsche Rating AAA mit einem negativen Ausblick versehen will (wie übrigens auch das aller anderen Euro-Staaten), überschlagen sich Politiker und Verbände mit “neuen” Vorschlägen (Handelsblatt).

Dabei ist diese Rating-Herabstufung weder gänzlich unbegründet noch kommt sie völlig überraschend. Im BlickLog weist Dirk Elsner darauf hin, dass die Kosten der Kreditausfallversicherung Deutschlands seit einiger Zeit steigen.

Den Ausschlag für diesen Beitrag hat jedoch ein Artikel im Tagesspiegel gegeben (der vollständige Artikel liegt mir z.Zt. noch nicht vor). Hier fordert Mechthild Schrooten, Forschungsprofessorin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, ernsthaft die Gründung einer staatlichen deutschen Ratingagentur, die bei der Bundesbank angesiedelt werden solle.

Meine kurze Erwiderung ist: es ist nicht die Aufgabe einer Zentralbank, als Ratingagentur zu fungieren.

Die längere Antwort habe ich an dieser Stelle bereits im Rahmen meiner Kritik an einer (staatlichen) Europäischen Ratingagentur geliefert. Gleiches gilt natürlich in besonderem Maße für eine deutsche Agentur. Wer würde denn das Rating dieser Behörde ernst nehmen? Und würde das AAA-Rating Deutschlands angetastet werden? Wenn die deutsche Politik darauf Einfluss nehmen kann? Eher nicht!

Es würde wohl auch nicht lange dauern, bis die anderen (Euro-)Staaten ihre eigene Rating-Behörde gründen würden. Schliesslich kann ja eine deutsche Agentur ja nicht einfach die Bonität von Griechenland, Spanien, Italien, Frankreich et al. beurteilen, oder? Wo kämen wir da hin?
Immerhin hätten wir dann den geforderten Wettbewerb auf dem Ratingmarkt. 20 – 30 neue staatliche Ratingagenturen, auf deren Urteil niemand, der bei Sinnen ist, etwas geben würde.

Dennoch hätte die Politik die Macht, diese neue Konkurrenz für die privaten Anbieter zu stützen. In meinem letzten Post habe ich bereits auf die EU-Gesetzesinitiative mit Rotationsprinzip hingewiesen. Die europäischen Politiker könnten die Verwendung staatlicher Ratingagenturen verpflichtend einführen.

Dies würde jedoch zu einer wesentlichen Verschlechterung der ohnehin suboptimalen Situation auf dem Ratingmarkt führen.

Im Beitrag des Tagesspiegels kommt dann ein für mich nicht ganz schlüssiger Sprung zur Regulierung der Banken. Hier solle laut Schrooten eine “straffere Regulierung” dafür sorgen, “dass Banken sich auf ihre ursprünglichen Funktionen besinnen”. Unter Aktivitäten, die darüber hinaus gingen, solle ein “Schlussstrich” gezogen werden, da sie dem Steuerzahler in der Vergangenheit teuer zu stehen gekommen seien.

Das ist jetzt aber eine völlig andere Baustelle als der Ratingmarkt. Vielleicht folgt in dem vollständigen Beitrag noch die Aufzählung der vom DIW zugelassenen Bankgeschäfte….

Aufmerksamen Lesern dieses Blogs ist nicht entgangen, dass ich weder Freund des Trennbankensystems bin (wegen der impliziten Risikoerhöhung) noch halte ich es für sinnvoll, dass Verbände oder die Politik vorschreiben, welche Geschäftsaktivitäten Banken durchführen sollten – über die strafrechtlich relevanten Tatbestände hinaus. Allerdings muss ernsthaft über die Haftungsfrage und das too-big-to-fail-Problem nachgedacht werden.

EU-Kommission und Ratingagenturen

Vor kurzem hat der EU-Binnenmarktkommisar Michel Barnier einen neuen Anlauf gestartet, die Macht der großen drei Ratingagenturen zu brechen. Glücklicherweise wird in der Gesetzesinitiative auf einige suboptimale Forderungen verzichtet – leider nicht auf alle. Von Zerschlagung der Agenturen und dem Verbot von Länderratings liest man jetzt nichts mehr. Aber folgende Ideen wurden vorgestellt (vgl. FTD):

- Rotationspflicht: bei der (üblichen) Bezahlung des Ratings durch den Emittenten darf eine einzelne Agentur maximal drei Jahre Produkte dieses Emittenten bewerten. Diese Frist kann sich verkürzen: wurden zehn aufeinander folgende Produkte geratet, muss die Agentur gewechselt werden. Beauftragt ein Emittent zwei Ratingagenturen, so muss eine nach drei Jahren ausgetauscht werden, die andere muss nach sechs Jahren ausgewechselt werden und hat danach vier Jahre Pflichtpause.

==> Damit soll vermutlich Wettbewerb erzwungen werden. Prinzipiell halte ich ein solches Vorgehen nicht für sinnvoll, da dies zu Marktverzerrungen führt. Für mein eigenes Modell ist das jedoch keine schlechte Nachricht – die Chance für neue Ratingagenturen werden sich erhöhen.

 

- Staatsanleihen: Länderratings sollen zukünftig alle sechs Monate aktualisiert werden. Die Veröffentlichung der Bewertung muss ausserhalb der Börsenhandelszeiten stattfinden und ausführlich begründet werden.

==> seltsam – momentan kann es den Staaten doch gar nicht lange genug dauern, bis neue Länderratings genannt werden?!

 

- für Strukturierte Produkte müssen zwei Ratings vorliegen und die Emittenten müssen weitere Informationen vorlegen, damit die Risiken von den Anlegern besser eingeschätzt werden können.

==> das verteuert das Geschäft für die Emittenten – funktioniert damit ähnlich wie eine Finanztransaktionssteuer. Soll damit der Handel strukturierter Produkte eingeschränkt werden?

 

- Banken, Versicherungen und Investmentfonds müssen sich ein eigenes Urteil über die Bonität von Emittenten bilden.

==> zumindest für Kreditinstitute ist das bereits seit einiger Zeit mit den MaRisk verpflichtend.

 

- weiterhin ist das issuer pays model erlaubt, der Preis darf sich jedoch nicht nach dem Ratingergebnis richten.

==> Ach so, der Preis darf nicht vom Ratingergebnis abhängen?! Eigentlich logisch. Aber wenn die Agenturen nicht explizit eine Preisstaffel a la AAA = 200.000 Euro, BB- = 100.000 Euro usw. vorlegen: viel Spass bei dem (gerichtlichen) Nachweis.

Alarm auf dem Ratingmarkt

Momentan herrscht großer Aufruhr auf dem Ratingmarkt. Zumindest auf politischer Seite. Und ich befürchte, das führt zu keinem guten Ende. Aber der Reihe nach.

Seit meinem letzten Post ist einiges passiert. Zunächst äusserte sich S&P zur politischen Lösung der griechischen Schuldenkrise. Das Konzept der europäischen Regierungen mit einer “freiwilligen” Beteiligung der Banken und Versicherungen könne als Zahlungsausfall (selective default) gewertet werden. Genau diese Situation sollte durch die Freiwilligkeit der Beteiligung vermieden werden, da das zum Zusammenbruch der griechischen Wirtschaft und zu einer Ansteckung weiterer Euroländer, wie z.B. Portugal oder Irland, führen könne.(FAZ)[Zur "freiwilligen" Beteiligung findet sich auch ein guter Beitrag in Dirk Elsners blicklog]

Als Reaktion auf die Aussagen von S&P hat Bundeskanzlerin Merkel die Bedenken beiseite gewischt. Sie vertraue der EU-Kommission, der EZB und dem IWF. Natürlich. Diese Haltung scheint jedoch vom Koalitionspartner FDP nicht uneingeschränkt geteilt zu werden. Volker Wissing wird zitiert mit der Aussage, dass der Markt unabhängige Ratings benötige und dass unabhängig auch unbequem bedeuten könne. Diese Meinung teile ich ausdrücklich. Und auch die FTD kommentiert: “S&P zerpflückt Pariser Rettungsplan zu Recht“.

Sehr schnell folgte der nächste Schlag (gegen die EU-Politiker?): Moody’s stufte Portugal auf Junk-Status herab. BusinessInsider sieht dabei als wesentliche Gefahr die Beteiligung des privaten Sektors als Voraussetzung für weitere Hilfen. Damit wird für Portugal der Zugang zu Kapital über die Märkte erschwert (=verteuert).

Zwischendurch meldet sich der Wirtschaftsweise Peter Bofinger zu Wort und fordert von der Politik eine grundlegende Lösung der Probleme auf dem Ratingmarkt. Folgendes Zitat hat mich aus purem Eigennutz extrem erfreut:

Nötig wären dann ein umfassendes eigenständiges Rating der Banken und Versicherungen und eine akribische Überprüfung dieser Ergebnisse durch die staatliche Finanzaufsicht.

Das entspricht exakt meinem Modell – und die Überprüfung des Ratings ist seit Einführung von Basel II und dem Ansatz bankinterner Ratings schon qua Gesetz vorgegeben. Danke Herr Professor Bofinger!

Der EU-Kommisionspräsident Barroso äußerte die Befürchtung, dass “Ratings Agencies may be biased against Europe“. Ein portugiesischer Politiker nannte das Vorgehen von Moody’s “Terrorismus“. Und Italiens Finanzaufsicht bestellte die Vertreter der großen Ratingagenturen zum Rapport (Handelsblatt).

Die jüngste Idee der Politiker: “EU erwägt Maulkorb für Ratingagenturen“. Die EU-Kommission überlegt tatsächlich, die Bewertung “der größten EU-Sorgenkinder” zu verbieten. Schöne Lösung. Ich fordere: Verbot für Ärzte, tödliche Diagnosen zu stellen. Dann werden wir alle ewig leben!

BusinessInsider zählt die Ratingagenturen zu dem “most hated companies in the world“. Zusätzlich wird der geografische Problembereich erweitert. Denn schliesslich sind nicht nur EU-Staaten von Ratings betroffen. Auch die USA wurden gewarnt, dass ihr aktuelles AAA-Rating nicht in Stein gemeißelt sei. Eine Herabstufung ihres Ratings könnte dann auch die USA zu ähnlich kreativen Lösungen veranlassen.

Meine Befürchtung ist, dass (zunächst) die EU-Politiker mit aller Macht beweisen wollen, dass sie und nicht die Ratingagenturen das Sagen haben. Und dieses Machtspiel könnte böse enden, da Politiker zwar Gesetze erlassen können, sich aber noch keine tragfähige Alternative zu den Ratingagenturen zeigt (abgesehen von meinem Modell natürlich – aber auch das benötigt einen gewissen Vorlauf, um sich die nötige Marktakzeptanz zu erarbeiten). Die Politik will also relevante Informationen verbieten lassen. Dies wird allerdings auf den Märkten nichts bewirken, da die Marktteilnehmer einfach alle von dem Ratingverbot betroffenen Länder mit D, also default=Zahlungsausfall, bewerten werden.

Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass mit einem solchen Verbot z.B. die EZB von ihren Ratingfesseln befreit wird. Und Staatsanleihen der betroffenen Staaten aufkaufen kann. Ist das das Ziel dieses Verbots?

Vermutlich wird die europäische Politik schnell und einzig zum Beweis ihrer Handlungsfähigkeit irgendeine seltsame Regelung beschliessen, die sie vermeintlich vor dem Einfluss der Ratingagenturen schützt. Die grundlegenden Probleme werden so nicht gelöst und die Kapitalmärkte werden dieses Machtspielchen durchschauen. Ich mache mir nur Sorgen über die langfristigen Auswirkungen solch hektischer Betriebsamkeit von Politikern.

Nachtrag: gerade habe ich noch einen guten Beitrag im Spiegel gesehen – Ratingagenturen als perfekte Sündenböcke (danke für den Link @eurotopics)

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