Re: In den Fängen des Monsters

monster_finanzkrise
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Die erste Ausgabe des Handelsblatts im Jahr 2009 (vom 02.01.09, S. 22-28 ) liefert einen guten und ausführlichen Überblick über die Finanzkrise in Q&A-Format.

Die Frage Nr. 12: „Welche Fehler haben sich als vermeidbar herausgestellt?“ soll hier kurz kommentiert werden.

Die Antwort der Redakteure Cünnen und Drost lautet: „Ein Problem ist die Zeit. Hätte es nicht zehn Jahre gedauert, um die Eigenkapitalrichtlinien von Basel II zu schaffen, hätte man viel verhindern können. So erschufen Banken teils riesige Zweckgesellschaften jenseits der Bilanz, deren Risiken nicht mit Eigenkapital unterlegt werden mussten. Wäre Basel II früher in Kraft getreten, hätten Banken kein so großes Rad am Wertpapiermarkt drehen können.“

Ist das so?

Die Autoren greifen damit die USA-Kritik seitens der deutschen Politik auf, die die Auffassung vertritt, Amerika habe durch die verzögerte Einführung von Basel II die Krise gefördert. Hauptauslöser ist jedoch eher die fragwürdige Kreditvergabepolitik in den USA, in Verbindung mit (zunächst) niedrigen Zinsen. Es kann durchaus bezweifelt werden, dass eine schnellere Umsetzung von Basel II die Krise hätte verhindern können.

In Deutschland bestehen seit 1988 mit Basel I Eigenkapitalregeln, die Einführung von Basel II fand 2007 statt. Dies hat die im Artikel kritisierten Zweckgesellschaften, z.B. der IKB, nicht verhindern können. Es wird übersehen, dass die Auslagerung von Risiken aus der Bilanz möglicherweise regulierungsinduziert sein könnte. Ohne die Pflichten bzw. Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften hätten die Banken keine ausländischen Gesellschaften gründen müssen, um ihr Geschäftsvolumen zu steigern. Damit wäre die Überwachung der Risiken durch BaFin und Bundesbank leichter gewesen.

Wenn also aktuell darüber diskutiert wird, die Eigenkapitalunterlegung für jeden Kredit auf bis zu 20% zu erhöhen, muss die Frage erlaubt sein, ob dies nicht kontraproduktiv wirkt. Zum Vergleich: bei Nicht-Finanzunternehmen tritt die Insolvenz bei Überschuldung ein. Kreditinstitute müssen nur die (ca.) 8%-Grenze unterschreiten.

Die aktuelle Krise bestätigt die bereits vor Jahren geäußerte generelle Kritik an Eigenkapitalrichtlinien wie Basel II: die Regelungen wirken pro-zyklisch und verstärken makroökonomische Schocks (vgl. Danielsson et al. (2001): An Academic Response to Basel II, LSE). Da Banken momentan eine zu geringe Eigenkapitalbasis besitzen, haben sie zwei Möglichkeiten, den gesetzlichen Anforderungen zu genügen: 
die Attrahierung frischen Eigenkapitals oder die Verringerung ihrer Kreditengagements.

Neues Eigenkapital zur erhalten ist in Krisenzeiten schwierig, da sich keine Investoren finden. Lediglich der Staat bietet momentan durch den Rettungsschirm frisches Eigenkapital. Zu festgelegten Bedingungen, die kritisch zu hinterfragen sind.

Bleibt noch die zweite Möglichkeit: restriktivere Kreditvergabe und Verringerung der Engagements.

Banken müssen daher ihre Kreditvergabe einschränken, was zu einer Kreditklemme führen kann. In der gleichen Ausgabe des Handelsblatts findet sich ein entsprechender Artikel, in dem Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut damit zitiert wird, dass sich Deutschland der Kreditklemme nähert (S.14). Damit überträgt sich natürlich die Bankenkrise auf die „Realwirtschaft“.

Zusammenfassend soll an dieser Stelle für einen verantwortungsvollen Umgang mit staatlicher Regulierung geworben werden.

Eine Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen ist aus den o.g. Gründen suboptimal und würde die Kreditklemme verschärfen. Die Politik sollte sehr genau überlegen, in welcher Form sie auf die Krise gesetzgeberisch reagiert. Schliesslich waren auch die heute vielgescholtenen Investmentbanken ein Produkt staatlicher Regulierung (Glass-Steagall-Act). Seit Oktober 2008 existiert keine eigenständige Investmentbank mehr.

Es bleibt zu hoffen, dass die Finanzkrise nicht dazu führt, dass aus der Kreditwirtschaft eine Staatswirtschaft gemacht wird.

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