VWL in der Krise

Nach der Eigenwerbung der vergangenen Posts sollen an dieser Stelle auch kritische Stimmen erwähnt werden. Das Handelsblatt berichtet über die Ökonomentagung der American Economic Association. Viele hochrangige Vertreter übten harte Selbstkritik an der VWL im Hinblick auf die Finanzkrise.

Insbesondere die (neoklassische) Makroökonomie müsse sich inhaltlich und methodisch komplett neu erfinden, um sich der Realität anzunähern. Die unterstellte Effizienz der Märkte, die rationale Erwartungsbildung und die inhärente Tendenz zur Stabilität stehen besonders in der Kritik. Zukünftig sollte die VWL enger mit Psychologen, Soziologen und Neurowissenschaftlern zusammenarbeiten, da sich Menschen eben häufig nicht rational verhalten.

Für meine eigenen Veranstaltungen kann ich sagen, dass die (realitätsnähere) neoinstitutionalistische Theorie immer ein wesentlicher Bestandteil war. Auch die Ansätze der Behavioral Finance unterrichte ich seit einigen Jahren. Es existieren zur Neoklassik demnach alternative Erklärungsmodelle, die auch seit vielen Jahren an deutschen Hochschulen gelehrt werden. Insofern ist die Kritik des „Tunnelblicks“ m.E. nicht vollständig gerechtfertigt.

Als Folge der Finanzkrise behandele ich seit 2008 sehr ausführlich das Thema Risiko. Neben den grundlegenden Definitionen gehe ich dabei auf die verschiedenen Formen der Unsicherheit und auch des Unwissens ein.

Fairerweise muss man allerdings sagen, dass man nicht ein gesamtes Modell kritisieren kann, wenn es auf nicht zutreffenden Annahmen beruht. Sollten – wie im Falle der Finanzkrise – wesentliche Tatsachen der Realität annahmegemäß ausgeschlossen worden sein, so muss man die Annahmen des Modells kritisieren, sie aufheben, oder ein neues Modell entwickeln. Unter den gegebenen Prämissen sind die bisherigen Modelle konsistent. Ob man tatsächlich die komplexe Realität modelltheoretisch darstellen kann, sei dahingestellt. Daher darf man nicht vergessen, dass die Modelle nicht die Realität sind, sondern nur Ansätze zur Erklärung ökonomischer Phänomene.

3 Gedanken zu “VWL in der Krise

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