Bankgeheimnis?

In der letzten Woche durfte ich wieder einmal auf einer sehr interessanten Veranstaltung in Berlin einen Vortrag halten. Mein Thema lautete: „Investments in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – Welche Rolle spielen die Ratingagenturen?“

Die häufigste – und völlig berechtigte – Frage nach der Vorstellung meines Modells der institutsgruppen-eigenen Ratingagenturen lautet bei fast allen Veranstaltungen:
„Was ist mit dem Bankgeheimnis?“
Aus dramaturgischen Gründen erwähne ich dieses Thema meist nicht während meines Vortrags, da dies ein sehr schöner Einstieg in die Fragerunde ist. Den treuen Lesern meines Blogs will ich jedoch die Antwort verraten.

Selbstverständlich verstößt mein Modell nicht gegen das Bankgeheimnis. Kreditinstitute dürfen das Rating der von ihnen bewerteten Unternehmen natürlich nur mit deren ausdrücklicher Zustimmung veröffentlichen.

Und die Zustimmung zu einer Veröffentlichung eines (guten) Ratings liegt im Interesse der bewerteten Unternehmen. Es hat eine positive Signalwirkung an alle Stakeholder. Bei Lieferanten lassen sich ggf. bessere Konditionen oder Rabatte aushandeln, die PR-Abteilung kann das gute Rating thematisieren, die Mitarbeiter werden über die (gute) Bonität ihres Arbeitgebers informiert und auch bei Leasingfirmen oder anderen Kreditinstituten entfaltet es eine positive Wirkung.

Einiges spricht also dafür, dass die gerateten Unternehmen ihre Zustimmung zu einer Veröffentlichung geben und damit das Bankgeheimnis nicht verletzt wird.

Ratings ohne Information?

In einem aktuellen Handelsblatt-Beitrag stellt Olaf Storbeck eine neue Studie über den Informationsgehalt von Ratings der großen Agenturen vor.

Die Wissenschaftler Jens Hilscher und Mungo Wilson haben festgestellt, dass die Ratingnoten wenig über die tatsächlichen Kreditausfallrisiken aussagen. Sie verglichen für die Jahre 1986 bis 2008 die Unternehmensratings von Standard & Poor’s (S&P) mit einem eigenen Indikator, der die Insolvenzgefahr eines Unternehmens ausschliesslich anhand öffentlich zugänglicher Daten misst. Dieser „failure score“ verwendet hauptsächlich Bilanzkennzahlen, wie die Profitabilität, den Verschuldungsgrad und die Barreserven. Empirisch lasse sich nun belegen, dass mit diesem vergleichsweise einfachen failure score Zahlungsausfälle zuverlässiger zu prognostizieren seien. Diese Ergebnisse liessen sich auch auf Staatsanleihen übertragen. Anhand makroökonomischer Daten könne man Risikoaufschläge z.B. für Staatsanleihen aus Schwellenländern besser erklären, als mittels Ratingnoten.

Das sind hochinteressante Forschungsergebnisse, da sich Ratingagenturen immer darauf berufen, dass sie bei beauftragten Ratings mehr und bessere Informationen als die Öffentlichkeit erhalten. Dies scheint nun widerlegt – auch wenn man in Studien a posteriori immer klüger ist. Man könnte z.B. die passenden Indikatoren wählen, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen (was ich den Forschern expressis verbis NICHT unterstelle!). Ratings sind immer eine Zukunftsbetrachtung und daher grundsätzlich mit Risiken verbunden. Auch wenn Agenturen und Regulierungsbehörden lange Glauben machten wollten, dass Ratingnoten eine Sicherheit bei Anlage- oder Kreditentscheidungen herstellen.

Ein kleiner Seitenhieb auf die Ratingagenturen sei an dieser Stelle erlaubt: eine weitere wissenschaftliche Studie (Bannier/Behr/Güttler (2007): Why are unsolicited ratings lower than solicited ratings? A theoretical and empirical assessment) hat herausgefunden, dass beauftragte Ratings tendenziell besser ausfallen als unbeauftragte und damit unbezahlte Ratings. Das Argument der Agenturen war der o.g. bessere Einblick in die Unternehmen. Dies scheint nach dem Handelsblatt-Artikel nun aber eher kontraproduktiv zu sein. Ausserdem wurde den Ratingagenturen unterstellt, dass sie Unternehmen vor der Veröffentlichung eines unbeauftragten Ratings informierten, dass die Ratingnote bei einem beauftragten=bezahlten Rating potenziell besser ausfallen könne. Und ob das Unternehmen nicht doch das Rating beauftragen=bezahlen wolle. Die Studie nennt das Kind beim Namen: „blackmailing“.

Was ich persönlich an dem Beitrag von Storbeck besonders interessant finde, ist die Aussage, dass die ausschliessliche Betrachtung von Bilanzkennzahlen zu besseren Ergebnissen führt, als die zusätzliche Berücksichtigung von „soft facts“. Üblicherweise wird die Ratingnote zu ca. 60% über quantitative Faktoren – wie Bilanzkennzahlen – bestimmt. Etwa 40% der Note machen die qualitativen Faktoren, wie Marktposition, Qualität des Managements, Nachfolgeregelung etc., aus.

Ein Vorwurf an mein Modell der Ratingagenturen der Kreditinstitutsgruppen lautet, dass die Ratings der Banken sich zu sehr auf die quantitativen Faktoren beschränken. Daher mein ausdrücklicher Dank an die Forscher Hilscher und Wilson. Damit sollte meine Vorstellung einer Verbesserung des Wettbewerbs auf dem Ratingmarkt gleichzeitig zu einer höheren positiven Korrelation von Ratingnote und Zahlungsausfall führen.