Deja vu – Europäische Ratingagentur

Das Thema Europäische Ratingagentur schafft es irgendwie immer wieder aufs Neue, in den Medien aufzutauchen. Dieses Mal eint die Idee Unionsfraktion und LINKE. Allein diese „Koalition“ sollte skeptisch machen, dazu muss man nichtmal meine verschiedenen Beiträge zu diesem Thema gelesen haben.

Gut, der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Peter Altmaier, muss sich an den Koalitionsvertrag der Bundesregierung halten und die Gründung einer Europäischen Ratingagentur vorantreiben. Zumindest offiziell. Wie er dafür sorgen will, dass sich diese „durchsetzt“ bleibt leider offen. Ebenso die Frage nach der Rechtsform.

Diese Frage beantwortet der Linken-Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi. Öffentlich-rechtlich soll die neue Agentur natürlich werden. Vermutlich blitzt die alte Konditionierung auf, wenn Gysi sagt, dass private US-Agenturen nicht über das Schicksal ganzer europäischer Staaten entscheiden sollten. Geht Gysi nun davon aus, dass dies bei einer staatlichen europäischen Agentur in Ordnung wäre? Oder teilt er meine Auffassung, dass eine solche Agentur die Bonitätseinschätzung, z.B. der EU-Staaten, „diplomatischer“ vornimmt?

Um es nochmals deutlich zu sagen: auch ich bin der Meinung, dass die Dominanz einiger weniger Agenturen problematisch ist. Allerdings sollte die oligopolistische Marktform auf dem Ratingmarkt durch mehr Wettbewerb durchbrochen werden. Eine einzelne europäische, öffentlich-rechtliche Agentur kann die Ratings und den Ratingmarkt nicht verbessern – nicht zuletzt wegen ihrer immanenten Probleme.

Literaturempfehlung

Endlich ist es soweit – ich kann mein eigenes Buch empfehlen. Auf mein Modell zum Ratingmarkt habe ich an verschiedenen Stellen hingewiesen. Ab Mai wird die gesamte wissenschaftliche Herleitung im Buchhandel zu erwerben sein. Der Titel lautet: „Ratingagenturen – Wettbewerb und Transparenz auf dem Ratingmarkt“.

>> Hier der Link zum Gabler-Verlag, der das Buch veröffentlicht.

Auch bei Amazon ist es schon zu finden, allerdings noch mit dem wissenschaftlichen Titel.

Inhaltlich habe ich einen weiten Bogen über alle m.E. relevanten Bereiche gespannt. Von den theoretischen Grundlagen des Kreditgeschäfts und einer Kurzübersicht der Bankbetriebslehre über die Aufsicht und Regulierung von Banken und Ratingagenturen bis hin zu Basel II. Den Abschluss bildet mein Modell eines zentralisierten bankinternen Ratings der Kreditinstitutsgruppen.

Klingt spannend – ist es auch ;)

Restriktive Kreditvergabe

Während ich mich hier in Grundsatzdiskussionen vertiefe, hat Dirk Elsner vom BlickLog einen schönen, praxisrelevanten Beitrag verfasst.

In „Finanzierung und restriktive Beleihungswerte“ berichtet er über das extrem risikoaverse Verhalten der Banken. In seinem Beispiel kritisiert Elsner den Beleihungswert von Sicherheiten i.H.v 40%. In diesem Fall handelt es sich um die Vorfinanzierung marktgängiger Produkte für einen mittelständischen Großhändler.

Aus meiner Sicht macht dieses Beispiel wieder einmal deutlich, vor welchem Dilemma Banken und Bankaufsicht stehen. Einerseits ist eine wesentliche Aufgabe der Banken die Kreditversorgung der Wirtschaft. Andererseits verleihen Banken nicht ihr eigenes Geld, sondern das ihrer Anleger. Dementsprechend muss Vorsorge getroffen werden, damit die Institute kein zu hohes Risiko eingehen.

Um Risiken für den Bankanleger zu verringern schreiben die Baseler Vorschriften eine risikoadjustierte Unterlegung aller Kredite mit Eigenkapital vor. Je höher das Kreditrisiko ist, desto höher ist die Eigenkapitalunterlegungspflicht. Das Eigenkapital erfüllt damit zwei Aufgaben: es induziert eine Selbstbindung der Banken und dient als Risikopuffer.

Ohne an dieser Stelle genauer auf die Einzelheiten einzugehen, muss jeder Kredit mit ca. 8% Eigenkapital unterlegt werden. D.h. für einen Kredit i.H.v. 1.000.000 Euro muss die Bank 80.000 Euro Eigenkapital vorhalten. Durch Sicherheiten lässt sich die Höhe der Eigenkapitalanforderung verringern.

In der letzten Zeit werden die rd. 8% Eigenkapitalunterlegung häufig als zu niedrig betrachtet. Viele Politiker und Wissenschaftler vertreten die Meinung, dass 12% -15% eher angemessen seien. Die wichtigste Frage, die sich der Bankaufsicht in diesem Zusammenhang stellt, ist: was ist die „richtige“ Höhe der Eigenkapitalunterlegung?

Es besteht ein trade-off zwischen der Sicherheit für die Bankanleger und der Kreditvergabe an Unternehmen. Je höher die Eigenkapitalanforderungen sind, desto „sicherer“ sind die Einlagen der Anleger. Gleichzeitig wird es jedoch teurer und schwieriger für Unternehmen, Kredite zu erhalten.

Vorschläge zur Lösung dieses Problems lese ich gern in den Kommentaren.

Sparkassen wollen Deutsche Bank zerschlagen

Auf Twitter habe ich einen Link von @Gedankenpflug gelesen und kommentiert, was zur einer Frage führte, die in 140 Zeichen nicht vernünftig zu beantworten ist. Ausserdem ist das Thema durchaus einen Blogbeitrag wert.

Der Link führt zur Börsenzeitung, die über einen Vorschlag aus dem Sparkassenlager berichtet. Der Präsident des Sparkassen- und Giroverbands Hessen-Thüringen fordere die Zerschlagung der Deutschen Bank. Begründet wird dies mit der Tatsache, dass die Bilanzsumme der Deutschen Bank nahezu die Höhe des Bruttoinlandsprodukts erreiche. Es handele sich nicht mehr um das Problem des „too big to fail“ sondern um „too big to save“.

Dazu lässt sich eine Menge anmerken. Ganz sicher ist „too big to fail“ ein Problem, das dringend gelöst werden muss. Ob eine Zerschlagung aller Banken, die dieses Kriterium erfüllen – wer bestimmt das eigentlich? – , eine geeignete Vorgehensweise ist, wage ich zu bezweifeln. Ich hoffe, den Experten im Baseler Ausschuss, bei der BaFin und Bundesbank fallen andere, vernünftige Lösungen ein.

Und dass gerade das öffentlich-rechtliche Lager diese Zerschlagungsforderung bringt, führt bei mir zu einigen Assoziationen.

1. Die offensichtlichste: welche deutschen Kreditinstitute waren nochmal am stärksten von der Finanzkrise betroffen und mussten bzw. müssen noch immer öffentlich-rechtlich gerettet werden? Und erfüllt nicht auch die Bilanzsumme der größeren Landesbanken das „too big to fail“-Kriterium? Von der WestLB will ich erst gar nicht anfangen.

2. Auf Betreiben der Großbanken verlor der öffentlich-rechtliche Sektor vor einigen Jahren das Privileg der Anstaltslast und Gewährträgerhaftung. Nach europäischer Rechtsprechung führe dies zu Wettbewerbsverzerrungen in Form von günstigerer Refinanzierung insbesondere der Landesbanken. Die Forderung nach einer Zerlegung der Deutschen Bank hat ein wenig den Beigeschmack von Rache. Dass nicht auch die Zerschlagung der Commerzbank gefordert wurde hängt vermutlich damit zusammen, dass sie zu 25% in Staatsbesitz ist. Also ist sie eigentlich auch eine Sparkasse.

Meines Erachtens liegt der Zerschlagungsforderung nichts anderes als der Versuch zu Grunde, unliebsame Konkurrenten zu schwächen. Und nicht über den Mechanismus des Wettbewerbs, sondern mittels juristischer Massnahmen. Aber den Mitgliedern der Linken in den Verwaltungsräten gefällt dieser Vorschlag bestimmt.

Konsultation über Ratingagenturen

© http://ec.europa.eu

Die EU-Kommission hat im November 2010 ein Konsultationspapier veröffentlicht, mit dem sie die Diskussion über eine Regulierung der Ratingagenturen voranbringen will. Es handelte sich um eine öffentliche Konsultation und die Kommission bat um Stellungnahmen bis zum 07. Januar 2011. Die eingegangenen Antworten wurde nun auf der Internetseite der EU-Kommission veröffentlicht.

>> Hier finden sich sowohl das Konsultationspapier als auch die Antworten darauf.

Bei den „Contributions authorised for publication“ / „Individuals“ findet sich auch mein Diskussionspapier zur Förderung des Wettbewerbs und der Transparenz auf dem Ratingmarkt.

Insgesamt sind der Kommission 93 Antworten zugegangen. Neben den „public authorities“ und „registered organisations“ haben 28 „individuals/other contributers“ an der Konsultation teilgenommen.

Nach Auswertung der Konsultation werden der Politik konkrete Handlungsvorschläge präsentiert, die bis 2012 umgesetzt werden sollen.

Entmachtung der Ratingagenturen?

© http://www.ftd.de

Die Financial Times Deutschland schreibt heute, dass die US-Börsenaufsicht den Startschuss zur Entmachtung der Ratingagenturen gegeben hat. Zukünftig solle „eine Reihe von Wertpapieren von der Pflicht zu einer Bewertung der Risiken durch die Agenturen“ befreit werden.

Grundsätzlich ist dieser Beschluss zu begrüssen, da bislang bei Wertpapieremissionen in den USA für die Unternehmen die Verpflichtung bestand, Ratings von Standard & Poor’s und Moody’s einzuholen. Damit wurde das Duopol regulatorisch zementiert.

Es stellt sich jedoch die Frage, was an die Stelle der Ratings der beiden großen Agenturen tritt? Wettbewerber, die diese Aufgabe übernehmen könnten, existieren nicht. Wie sollen also Anleger das Risiko der Papiere einschätzen können? Und wie soll man überprüfen, ob der angebotene Zinssatz dem jeweiligen Risiko des Papiers entspricht?

Bis sich neue Anbieter etabliert haben und von allen Marktteilnehmern akzeptiert werden, müssen sich S&P, Moody’s und Fitch noch nicht fürchten.

Können bankinterne Ratings die externen Ratings ersetzen?

© handelsblatt.com

In einem Blogbeitrag fasst Oliver Everling heute die Aussagen vom Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Jörg Asmussen, zusammen. Asmussen hat auf der Handelsblatt-Konferenz „Kapitalmarktforum 2011“ zu Fragen der Regulierung der Finanzmärkte Stellung genommen. Interessant finde ich insbesondere den letzten Absatz, den ich zitieren möchte:

Die Funktionen der Ratingagenturen im Finanzsystem zurückzudrängen, diesre Forderung erteilt Asmussen eine klare Absage. Zwar sei schnell ein Konsens bei der Schelte der Ratingagenturen zu erzielen, nicht nur in Europa, sondern auch weltweit, die entscheidende Frage stelle sich aber: “Was kommt dann?” Bankinterne Ratingsysteme könnten externe Ratings nicht ersetzen. Asmussen ist sich daher sicher, dass es bei den Ratingagenturen bleiben werde, wenn auch mit Reformbedarf.

Fast scheint es, als sei Asmussen mein Modell bekannt (dies ist durchaus möglich, meiner Mail an ihn mangelt es seit 2008 an einer Antwort). Die Interpretation ist jedoch falsch: ich will mit bankinternen Ratings nicht die externen Ratings der großen Agenturen ersetzen, sondern lediglich Wettbewerb induzieren, damit auch auf dem Ratingmarkt der normale Marktmechanismus greifen kann.

Warum bankinterne Ratingsysteme externe Ratings nicht ersetzen können, bleibt in Everlings Beitrag leider offen. Auch in dem entsprechenden Handelsblatt-Artikel wird diese Frage nicht geklärt.

Hat einer meiner Leser eine passende Quelle bzw. Argumente, die für diese Annahme sprechen? Ich freue mich über Kommentare!

Haftung für Ratings

Auf der Internetseite von Oliver Everling findet sich eine interessante Vorstellung des Buches von Thomas Mühl: „Haftung für fehlerhafte Ratings – Grundlagen, Beweisführung, Prozesstaktik“.

Nach Mühl befindet sich das Rating in einer Grauzone zwischen Tatsachenbehauptung und grundrechtlich geschützter Meinungsäusserung. Die bestehende Unsicherheit aufgrund der zahlreichen Einflussgrößen werde durch die fehlende Normierung der Ratingskalen noch vergrößert.

Die im Zuge der Finanzkrise in Kraft getretenen Gesetze und Verordnungen setzen zwar Verfahrens- und Verhaltensstandards, die Haftungsfrage werde jedoch nicht geregelt.

Interessant ist Mühls Einschätzung, dass Banken für Ihre internen Unternehmensratings nicht haften, sofern sie die Ergebnisse nicht offenlegen. Etwa ein Drittel aller bankinternen Ratings sei fehlerhaft. Meist werde das Risiko zu Ungunsten des Unternehmens als zu hoch eingeschätzt. Daraus ergeben sich zu hohe Zinsbelastungen und Kosten für die Kunden.

Wie sicher ist die Einlagensicherung?

In einem aktuellen Urteil betont das Landgericht Berlin, dass bei einer Bankpleite die Anleger lediglich die gesetzliche Einlagensicherung einklagen können. Diese liegt weit unter dem von den Instituten freiwillig eingerichteten Einlagenschutz. Diese Rechtsauffassung sei allgemein anerkannt und gelte nicht nur für den Einlagensicherungsfonds der Privatbanken, sondern auch für die Institutssicherung der Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Die vermeintliche Rechtssicherheit, die Kreditinstitute den Kunden suggerieren, existiert nicht. (Quelle: Handelsblatt)

Gesetzlich vorgeschrieben und damit einklagbar sind zukünftig bis zu 100.000 Euro auf Giro- und Termingeldkonten sowie Inhaberschuldverschreibungen des Kreditinstituts.