Einigung auf Trennbanken-Regeln

Zur Trennung riskanter Bankgeschäfte von den Spareinlagen der Kunden haben sich die EU-Finanzminister auf einen Gesetzesentwurf geeinigt.
Die einstimmig beschlossene Reform soll zu einer Stabilisierung des Banksystems beitragen. Sie sieht jedoch Ausnahmen für britische Finanzinstitute vor, deren Kundeneinlagen weniger als 35 Milliarden Euro betragen. Begründet wird dies mit der englischen Bankenreform, die für diese Institute bereits einen höheren Kapitalpuffer fordert.

Der EU-Gesetzentwurf definiert zwei Gruppen:
1. Institute mit mehr als 35 Mrd. Euro Kundeneinlagen und 70–100 Mrd. Euro Handelsgeschäft. Diese stehen unter Beobachtung der Aufsichtsbehörden und müssen den Eigenhandel wirtschaftlich und rechtlich abtrennen vom Kundengeschäft.
2. Banken mit mehr als 100 Mrd. Euro Eigenhandel unterliegen einer wesentlich strengeren Aufsicht, die zur Reduktion des Risikos auch eine signifikante Kapitalaufstockung fordern kann.

Nicht (mehr) vorgesehen ist eine von mehreren EU-Abgeordneten geforderte automatische Zerschlagung der Institute. Zur Gesetzesform benötigt der Entwurf noch die Zustimmung des EU-Parlaments, das sich noch nicht auf eine gemeinsame Position einigen konnte.

(Quelle: Reuters)

DSGV-Studie zum Mittelstand

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) fand in einer Studie heraus, dass sich der deutsche Mittelstand mit größeren Investitionen zurückhält. Ein Grund dafür seien die weltweiten Krisen.

Im Handelsblatt wird über die Studie berichtet, die auf der Auswertung von ca. 250.000 Unternehmensbilanzen beruht. Daher beziehen sich die Daten auf die Jahre 2012 und 2013. Für die kommenden 12 Monate, d.h. für das Jahr 2014, wollten nur 19,7% der Unternehmen Investitionen in ihre Expansion tätigen – in 2012 waren es noch 27,5%.

Ein Vorteil dieser Zurückhaltung ist die Erhöhung der durchschnittlichen Eigenkapitalquote der KMU auf 22,3% in 2013 (im Vergleich zu 19,7% in 2012).

Sparkassenpräsident Fahrenschon konstatiert, dass sich der „Investitionsstau bei den Unternehmen bislang nicht aufgelöst“ habe. Die Begründung für den „Investitionsstau“ ist die Angabe der Sparkassenmitarbeiter, dass mittelständische Kunden rund 46% weniger Investitionsmittel abgerufen hätten als im Jahr davor. Fahrenschon sorgt sich, dass aufgrund der fehlenden Investitionen die deutschen KMU „ins Hintertreffen“ geraten könnten.

Natürlich müssen Kreditgeber klagen, wenn sie weniger Kredite vergeben können. Aber herrscht im deutschen Mittelstand tatsächlich ein Investitionsstau? Ein vernünftiger Grund – die Unsicherheit aufgrund weltweiter Krisen – wurde doch in der Studie genannt. Ich warte auf die ersten Kommentare, die von einer Kreditklemme sprechen – obwohl man als Verbandspräsident kaum deutlicher „nehmt unser Geld!“ rufen kann.

Laut der DSGV-Studie ist die Umsatzrentabilität von 7,4% auf 6,4% gesunken. Die Begründung lautet: schwache Wirtschaftsentwicklung und steigende Kosten. Und bereits vor der Einführung des Mindestlohns stiegen die Personalkosten in 2013 um 1,2%. Demgegenüber wirke der sinkende Ölpreis und der schwache Euro wie ein Sonderkonjunkturprogramm für die KMU.

CoCo-Bonds – Convert to Steal

Heute erreichte mich eine Pressemitteilung der Technischen Universität München, die die Ergebnisse einer modelltheoretischen Untersuchung von CoCo-Bonds, also von bedingt wandelbaren Anleihen, darstellt. Das Working Paper von Tobias Berg und Christoph Kaserer mit dem Titel „Does Contingent Capital Induce Excessive Risk-Taking?“ findet sich hier und wird im Journal of Financial Intermediation veröffentlicht (Glückwunsch).

Die Kurzversion:
Eine Lehre aus der Finanzkrise ist, dass Banken mehr Eigenkapital benötigen, damit sie bei neuen Krisen nicht (wieder) vom Steuerzahler gerettet werden müssen. Eigenkapital, bzw. genauer Kernkapital, ist für Banken jedoch nicht so einfach zu attrahieren. Hauptsächlich handelt es sich um Aktien, deren Platzierung insbesondere in Krisenzeiten schwierig ist. Um die höheren Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen, setzen Banken wandelbare Anleihen ein. Diese CoCo-Bonds haben einen festen Zinssatz und werden unter bestimmten Bedingungen in Eigenkapital der Bank umgewandelt, i.d.R. bei Unterschreiten der 7 Prozent-Kernkapitalquote. Die bisherigen Fremdkapitalgeber werden dann zwangsweise Aktionäre oder müssen vollständig auf ihre Ansprüche verzichten.
Die Anleihen sind leichter zu platzieren als z.B. Aktien und bieten den Investoren höhere Zinsen als andere Unternehmensanleihen.

Sinn dieser Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen und damit auch der CoCo-Bonds ist die Erhöhung der Stabilität des Bankensystems. Ob dies tatsächlich funktioniert untersuchten die Professoren Berg und Kaserer in ihrer Studie.

Sie stellten fest, dass bei etwa der Hälfte der emittierten CoCo-Bonds ein Write-Down Mechanismus im Vertragsverhältnis festgeschrieben wurde. Bei Unterschreiten der kritischen Kernkapitalquote werden diese Bonds nicht in Aktien der Bank umgewandelt, sondern die Gläubiger verlieren ihre Ansprüche. Bei den anderen Verträgen war das festgelegte Umwandlungsverhältnis von Bonds in Aktien für die Investoren sehr ungünstig. Der Gesamtwert der Aktien läge niedriger als der Gesamtwert der Anleihen.

Kurzer Einschub: ich kann gar nicht oft genug wiederholen, wie wichtig es ist, die Vertragsbedingungen zu lesen!

Der Neo-Instututionalist in mir freut sich über die weiteren Fragen und Ergebnisse der Studie. So wurde festgestellt, dass neben den Gefahren für die Anleger durch die CoCo-Bonds zusätzlich Anreize für das Bankmanagement bzw. die Anteilseigner geschaffen werden, eine Krise zu verstärken. Gerät die Bank in Schwierigkeiten, könnte sie absichtlich ihre Lage verschlechtern, um die Umwandlung der Anleihen auszulösen. So würde die Bank einen Teil der Schulden auf Kosten der ehemaligen Fremdkapitalgeber los.

Dies erinnert mich stark an die Krise der Savings and Loan Associations in den USA in den 1980ern. Damals hatten die Banken auch Anreize zum „Gambling for Resurrection“. History repeating?
Würden jedoch die Anleihen zum Marktwert getauscht, hätten Convertible Bonds tatsächlich die erhoffte stabilisierende Wirkung auf das Bankensystem. Die Altaktionäre würden alles unternehmen, damit die Umwandlung nicht ausgelöst wird und die vielen neuen Aktionäre die bisherigen Beteiligungsquoten nicht verwässern.

Je nach Vertragsgestaltung können CoCo-Bonds also tatsächlich einen Beitrag zur Stabilisierung leisten und zusätzlich eine gut verzinste Anlage für Investoren darstellen.

Banken bauen Arbeitsplätze ab

Das behauptet zumindest Bain & Company (via Reuters). Die Managementberatung sieht deutsche Banken vor einem radikalen Ausleseprozess. Langfristig könnten sich nur drei Geschäftsmodelle durchsetzen: globale Universalbanken wie die Deutsche Bank, Regionalinstitute wie Sparkassen, Genossenschaftsbanken und die Commerzbank (sic!) sowie spezialisierte Häuser, z.B. reine Vermögensverwalter. Der Bain-Deutschlandchef Sinn sieht am Ende des Prozesses weniger Banken, die jedoch fokussierter und renditestärker seien.

Um zu dieser Aussage zu kommen, hat Bain die Geschäftsabschlüsse von knapp 2.000 Banken in Deutschland seit dem Jahre 1970 einem Langzeitcheck unterzogen.

Nachdem wir jetzt fertig gelacht haben, schauen wir uns die Aussagen nochmal an:

Bain prognostiziert drei zukunftsfähige Geschäftsmodelle.
Welcher Zeithorizont ist denn bei Bain „langfristig“?
Und gibt es denn neben den genannten Modellen noch erwähnenswerte andere? Die kleineren Privatbanken spielen doch ohnehin keine nennenswerte Rolle mehr, oder sind unter das Dach einer großen Mutterbank geschlüpft.

Gute Arbeit, Bain. Wir werden also zukünftig große Universalbanken, Sparkassen, Genossenschaften und „spezialisierte Häuser“ haben. Schon dafür hat sich der Langzeitcheck gelohnt. Und dass die Commerzbank als Regionalinstitut nach Sparkassen und Genossen genannt wird.
So wird das aber nichts mit einem Beratungsauftrag dort.

Als Haupttreiber für diese Entwicklung sieht Bain den zunehmenden Kostendruck in der Branche. Auch eine komplett neue und überraschende Erkenntnis. Nichts mit Apple Pay, Crowdfunding, internetbasierten neuen Geschäftsmodellen. Die werden nicht erwähnt. Nein. Der gute alte Kostendruck treibt die Banken um. Die Eigenkapitalrendite liege durchschnittlich bei 1,6%, daher sagt der Berater, was der Berater sagen muss: Kostenreduzierung. Bain sieht die Schließung von 11.000 Bankfilialen und den Abbau von knapp 130.000 Arbeitsplätzen voraus.
Ich bin sicher, dazu gibt es viele schöne PowerPoint Seiten.

Und zu guter Letzt will der Bain-Chef die seit einigen Jahren laufenden Spar- und Umbauprogramme nicht konkret bewerten. Ich vermute, Bain war nicht daran beteiligt (sonst wären die Maßnahmen natürlich zukunftsweisend), will aber noch den ein oder anderen Auftrag ziehen.

Ach ja, die Beraterzunft.

Ratings ohne Information?

In einem aktuellen Handelsblatt-Beitrag stellt Olaf Storbeck eine neue Studie über den Informationsgehalt von Ratings der großen Agenturen vor.

Die Wissenschaftler Jens Hilscher und Mungo Wilson haben festgestellt, dass die Ratingnoten wenig über die tatsächlichen Kreditausfallrisiken aussagen. Sie verglichen für die Jahre 1986 bis 2008 die Unternehmensratings von Standard & Poor’s (S&P) mit einem eigenen Indikator, der die Insolvenzgefahr eines Unternehmens ausschliesslich anhand öffentlich zugänglicher Daten misst. Dieser „failure score“ verwendet hauptsächlich Bilanzkennzahlen, wie die Profitabilität, den Verschuldungsgrad und die Barreserven. Empirisch lasse sich nun belegen, dass mit diesem vergleichsweise einfachen failure score Zahlungsausfälle zuverlässiger zu prognostizieren seien. Diese Ergebnisse liessen sich auch auf Staatsanleihen übertragen. Anhand makroökonomischer Daten könne man Risikoaufschläge z.B. für Staatsanleihen aus Schwellenländern besser erklären, als mittels Ratingnoten.

Das sind hochinteressante Forschungsergebnisse, da sich Ratingagenturen immer darauf berufen, dass sie bei beauftragten Ratings mehr und bessere Informationen als die Öffentlichkeit erhalten. Dies scheint nun widerlegt – auch wenn man in Studien a posteriori immer klüger ist. Man könnte z.B. die passenden Indikatoren wählen, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen (was ich den Forschern expressis verbis NICHT unterstelle!). Ratings sind immer eine Zukunftsbetrachtung und daher grundsätzlich mit Risiken verbunden. Auch wenn Agenturen und Regulierungsbehörden lange Glauben machten wollten, dass Ratingnoten eine Sicherheit bei Anlage- oder Kreditentscheidungen herstellen.

Ein kleiner Seitenhieb auf die Ratingagenturen sei an dieser Stelle erlaubt: eine weitere wissenschaftliche Studie (Bannier/Behr/Güttler (2007): Why are unsolicited ratings lower than solicited ratings? A theoretical and empirical assessment) hat herausgefunden, dass beauftragte Ratings tendenziell besser ausfallen als unbeauftragte und damit unbezahlte Ratings. Das Argument der Agenturen war der o.g. bessere Einblick in die Unternehmen. Dies scheint nach dem Handelsblatt-Artikel nun aber eher kontraproduktiv zu sein. Ausserdem wurde den Ratingagenturen unterstellt, dass sie Unternehmen vor der Veröffentlichung eines unbeauftragten Ratings informierten, dass die Ratingnote bei einem beauftragten=bezahlten Rating potenziell besser ausfallen könne. Und ob das Unternehmen nicht doch das Rating beauftragen=bezahlen wolle. Die Studie nennt das Kind beim Namen: „blackmailing“.

Was ich persönlich an dem Beitrag von Storbeck besonders interessant finde, ist die Aussage, dass die ausschliessliche Betrachtung von Bilanzkennzahlen zu besseren Ergebnissen führt, als die zusätzliche Berücksichtigung von „soft facts“. Üblicherweise wird die Ratingnote zu ca. 60% über quantitative Faktoren – wie Bilanzkennzahlen – bestimmt. Etwa 40% der Note machen die qualitativen Faktoren, wie Marktposition, Qualität des Managements, Nachfolgeregelung etc., aus.

Ein Vorwurf an mein Modell der Ratingagenturen der Kreditinstitutsgruppen lautet, dass die Ratings der Banken sich zu sehr auf die quantitativen Faktoren beschränken. Daher mein ausdrücklicher Dank an die Forscher Hilscher und Wilson. Damit sollte meine Vorstellung einer Verbesserung des Wettbewerbs auf dem Ratingmarkt gleichzeitig zu einer höheren positiven Korrelation von Ratingnote und Zahlungsausfall führen.