Für bessere Länderratings: jedem Land seine eigene Ratingagentur

Wie die FAZ berichtet, gründet Russland eine eigene Ratingagentur. Dies geschieht als Reaktion auf die schlechte Bonitätsbewertung Russlands durch die drei großen Agenturen. Moskau vermutet politische Motive als Grund für die Einstufung auf „Ramschniveau“.
Die FAZ zitiert die russische Zentralbank mit der Aussage, dass der russische Markt eine „starke Ratingagentur mit einem hohen Maß an Führungsstärke und Professionalität“ brauche. Sie solle in der Lage sein, die „Interessen der Wirtschaft“ zu erfüllen. Bereits in der letzten Woche sorgte der russische Präsident Putin dafür, dass die Tätigkeit internationaler Ratingagenturen gesetzlich reguliert werden, um den unterstellten politischen Motiven entgegenzutreten.

Damit bestätigt Moskau meine Vorbehalte, die ich vor einiger Zeit – auch an dieser Stelle – gegenüber einer Europäischen Ratingagentur geäußert habe. Einige Stimmen forderten sogar die Gründung einer Deutschen Ratingagentur, nachdem u.a. die falschen Ratings durch die großen drei die Finanzkrise ausgelöst hatten. Meine Befürchtung war, dass die Unabhängigkeit und damit die Vertrauenswürdigkeit dieser Agenturen nicht gegeben ist. Und bereits damals schrieb ich, dass eine deutsche Ratingagentur dazu führen würde, dass Griechenland, Italien, Portugal, Frankreich etc. jeweils auch eine eigene Agentur gründen würden. Und wie würden wohl die Ratings der eigenen Länder aussehen?

Mein Dank geht an Putin, der wie so oft klare Worte findet. Ihm gefällt Russlands Rating nicht, er unterstellt politische Motive und gründet für ein besseres Rating eine Russische Ratingagentur. So einfach steigert man die Bonität. Das kostet lediglich 48 Millionen Euro, mit denen die neue Agentur zunächst ausgestattet wird.

Ratingagentur einigt sich aussergerichtlich

Die US-Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat sich in einem Rechtsstreit mit der US-Regierung und dem Pensionsfonds Calpers geeinigt. Laut CNN zahlt S&P knapp 1,4 Milliarden US-Dollar wegen falscher Ratings für Mortgage Backed Securities. Diese fehlerhaft bewerteten Hypotheken-Kredite waren Auslöser der Finanzkrise in 2008. Die Hälfte der 1,4 Mrd. Dollar erhalten 19 US-Bundesstaaten, die andere Hälfte die US-Regierung. Zusätzlich erhält der kalifornische Pensionsfonds 125 Millionen Dollar, da er bei weiteren Transaktionen durch fehlerhafte Ratings getäuscht wurde.

Sprecher von S&P behaupten, die Einigung sei im Interesse des Unternehmens und seiner Eigentümer getroffen worden. Es seien keine Gesetzesverstöße durch die Ratingagentur nachgewiesen worden.

Bereits im Januar hatte S&P 58 Mio. US-Dollar an die Börsenaufsicht SEC und 19 Mio. Dollar an die Staatsanwaltschaften von New York und Massachusetts gezahlt.

Berichten zufolge blicken die staatlichen Ermittlungsbehörden nun genauer auf Moody’s, die weltweit zweitgrößte Ratingagentur.

Vor diesem Hintergrund ist es fast schon ärgerlich, dass die immer wieder geforderte europäische Ratingagentur nie gegründet wurde. Ratingagenturen scheinen ein gutes Instrument zur Staatsfinanzierung zu sein.

Bedeutungsverlust der Ratingagenturen?

Mit dem Titel „AAA? Egal!“ beschrieb vor einigen Tagen die Süddeutsche Zeitung den Macht- und Bedeutungsverlust der großen Ratingagenturen. Sechs Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise seien die Urteile der Agenturen in Teilen irrelevant. Insbesondere habe sich die Bedeutung der Länderratings deutlich reduziert, was mit den Haftungszusagen der Europäischen Zentralbank EZB zusammenhängt. EZB-Präsident Mario Draghi hatte 2012 in seiner „Whatever it takes“-Rede die sehr lockere Geldpolitik mit Nullzins (bzw. mittlerweile mit negativen Einlagenzinsen) und Staatsanleihenkäufen angekündigt.

Damit sind Länderratings tatsächlich irrelevant – die EZB wird’s schon richten. Einzig die Unterscheidung von Investment Grade und Speculative Grade ist noch interessant, weil viele institutionelle Investoren laut ihren Anlagerichtlinien nur im Investment Grade investieren dürfen.

Unternehmensratings, so die SZ, seien jedoch nach wie vor wichtig. Ein Vertreter der Bremer Landesbank wird mit der Aussage zitiert, dass die Ratingagenturen bei Unternehmensratings einen „unpolitischen und zumeist guten Job“ machen. Das sei auch wichtig, da aufgrund der niedrigen Verzinsung staatlicher Wertpapiere viele Investoren die höher verzinsten Unternehmensanleihen kauften.

Scheinbar ist die Ratingwelt in Ordnung. Diejenigen, die am lautesten gegen die Agenturen wetterten – die Politiker der vermeintlich zu schlecht bewerteten Länder – sind dank der „unabhängigen“ Zentralbank ruhig gestellt. Laut wird es kurzzeitig nur, wenn mal eine (riskante und daher gut verzinste!) Unternehmensanleihe, z.B. bei den erneuerbaren Energien, ausfällt. Da geht es dann aber weniger um Ratings als vielmehr um den zu verbessernden Anlegerschutz.

Das Problem des unvollkommenen Wettbewerbs auf dem Ratingmarkt wurde bisher nicht gelöst. Der SZ-Artikel hilft jedoch meinem Modell (Miniversion: Banken können die Bonität von Unternehmen mindestens genauso gut einschätzen wie Ratingagenturen, die Buchversion gibt es hier). Bei fast allen meiner Vorträge war eine wesentliche Frage der Teilnehmer: können Kreditinstitute Länderratings durchführen? Diese Frage scheint – zumindest momentan – irrelevant, auch wenn ich schon damals eine passende Lösung hatte.

Ich teile die Einschätzung der SZ, dass Unternehmensratings enorm wichtig sind. Dann ist aber der Zustand des Ratingmarktes aus Investorensicht extrem unbefriedigend.
Ein Duopol, das „zumeist“ einen guten Job macht?
Welcher Investor will sich darauf verlassen?

Völlig uneigennützig halte ich es für an der Zeit, sich mein Modell zur Erhöhung des Wettbewerbs und der Transparenz auf dem Ratingmarkt mal wieder anzusehen.

Russisch-chinesische Ratingagentur

Die Financial Times und das Manager Magazin berichteten am 03. Juni darüber, dass Russland und China sich geeinigt hätten, eine gemeinsame Ratingagentur zu gründen. Damit solle die Vormachtstellung der USA auf dem Weltratingmarkt aufgebrochen werden.

Wesentliche Aufgabe dieser Agentur seien „apolitische“ Ratings. Sagt der russische Finanzminister während seiner China-Reise. Sicher hat es überhaupt nichts damit zu tun, dass Standard & Poor’s die Bonität Russlands nach der Besetzung der Krim heruntergestuft hat.

Genauere Aussagen zur Struktur der Ratingagentur und ein Zeithorizont wurden nicht bekannt gegeben. Wahrscheinlich ist jedoch die Einbindung der chinesischen Agentur Dagong und einer staatlich unterstützten Institution auf russischer Seite. Diese wenigen Informationen klingen doch schon sehr „apolitisch“.

Dagaong existiert seit ca. 20 Jahren und trat vor allem dadurch in Erscheinung, dass sie (korrekterweise?) die USA sehr früh nach Ausbruch der Finanzkrise herabstuften. S&P benötigte für diese Einschätzung deutlich länger.

Die Pläne für eine europäische Ratingagentur wurden wohl endgültig begraben – zumindest habe ich in der letzten Zeit nichts mehr darüber gelesen.

Prinzipiell halte ich Konkurrenz weiterhin für das richtige Vorgehen, um das Oligopol zu durchbrechen. Allerdings habe ich hinsichtlich der Objektivität und (politischen) Unabhängigkeit bei dem russisch-chinesischen Joint-Venture meine Bedenken.

Rating der EU hat sich verschlechtert

Standard & Poor’s hat der Europäischen Union die Rating-Bestnote AAA entzogen und die EU auf AA+ gesetzt. Nachdem in den letzten Monaten bereits die Ratings einiger EU-Länder von S&P herabgestuft wurden, ist der Downgrade der EU insgesamt wenig überraschend.

S&P vertritt die Auffassung, dass die Kreditwürdigkeit der 28 EU-Mitgliedsstaaten abgenommen und der Zusammenhalt der Länder sich verringert habe. EU-Währungskommissar Rehn wies dies mit dem Argument zurück, dass bislang alle Länder ihren Verpflichtungen – selbst zum Höhepunkt der Krise – nachgekommen seien.

Nach Berechnungen von S&P ist die EU mit ca. 56 Mrd. Euro Anleihevolumen jedoch nur ein kleiner Player.

Rating der Ratingagenturen

Wenig überraschendes hat eine Marktanalyse der ESMA (European Securities and Markets Authority) ergeben – das Oligopol der drei großen Ratingagenturen scheint weiterhin nicht gefährdet. Die Marktanteile der nach der EU-Verordnung registrierten Agenturen zeigen die noch immer marktbeherrschende Stellung von Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch mit zusammen 87% Marktanteil (vgl. >>Die Bank).

Die deutsche Feri EuroRating Services AG erreicht einen respektablen siebten Platz – mit einem Marktanteil von 0,81%.
(Das Ranking mit den genauen Werten aller registrierten Agenturen findet sich z.B. bei >>Den Nutzen von Ratings erschliessen )

Völlig altruistisch bin ich noch immer der Auffassung, dass mein Modell kreditinstitutseigener Ratingagenturen zu einem Aufbrechen des Oligopols führen könnte und über den höheren Wettbewerb zu besseren, kostengünstigeren und transparenteren Ratings. (Wer noch ein Weihnachtsgeschenk sucht: hier der Link zum Long-Read des Modells (Amazon))

Weitere Veröffentlichung

Beck_FremdfinanzierungUnd wenn ich schonmal am Schreiben bin:

in dem Buch „Fremdfinanzierung für den Mittelstand“ von Bösl/Schimpfky/von Beauvais (Hrsg.) bin ich mit einem Beitrag über Rating und Covenants vertreten (zusammen mit Oliver Everling).

>> Amazon-Link

Thematisch passt das ganz gut zu meinem letzten Blogbeitrag – wenn denn die Banken sich wieder mehr auf das Kreditgeschäft konzentrieren wollen. In meinem Buchbeitrag beschreibe ich neben den (bekannten?) Ratinganforderungen auch die fast immer in Kreditverträgen enthaltenen Covenants. Das Buch ist praxisorientiert und soll Unternehmern und Beratern einen Überblick über die relevanten Finanzierungsformen geben.